EXPO REAL Fokusthema des zweiten Messetages: Grand Plaza

Gastronomie als Heilsbringer für Shopping-Center in Zeiten der Digitalisierung?

Zwischen Digitalisierung und Individualisierung: Wie werden die Shopping-Center von morgen aussehen? Welche Handelskonzepte werden sie mit Leben füllen? Was kann offline, was online nicht kann? Immer mehr Shopping-Center und Retailer setzen auf Gastronomie als Heilsbringer im Zeitalter der Digitalisierung. Wie sieht eine erfolgreiche Food-Strategie aus? Auf welche Konzepte setzt der Markt? Rund um diese Fragen drehten sich vor allem zwei Panel auf der Grand Plaza, dem Marktplatz für den Handel auf der EXPO REAL: „Future Shopping“ und „Bon Appetit: Advantage Food“. Der Versuch eines Über- und Ausblicks.

 

Jörg Nowicki von der „Textilwirtschaft“ moderiert auch in diesem Jahr souverän zweisprachig die Diskutanten und ihre Thesen zur Zukunft des Handels. Vor zahlreichem Publikum: Erneut reichen die begehrten weißen Sitzhocker nicht für alle interessierten Zuhörer aus.

Los ging es am ersten Messetag mit einer Studie. Dr. Joachim Will stellte die Ergebnisse des „Shopping Center Performance Report 2017“ des Marktforschungsinstituts Ecostra vor. In diesem Jahr wurde erstmals nach dem besten deutschen „Foodcourt“ gefragt. Gewonnen hat das Centro in Oberhausen. Noch wichtiger ist wahrscheinlich folgendes Ergebnis: Grundsätzlich erachten 80% der Studienteilnehmer das Food-Angebot als bedeutend oder sehr bedeutend für ein Shopping-Center.

Dem konnten die Speaker am zweiten Messetag nur zustimmen – nicht wirklich verwunderlich, war ihr Panel ja schon entsprechend benannt worden: „Advantage Food“. Und tatsächlich ist das gastronomische Angebot ein klarer Vorteil für viele Shoppingcenter oder auch „die beste Waffe in den Händen ihrer Betreiber“, wie Moderator Nowicki es zuspitzte. Weshalb seit einigen Jahren Menschen wie Jonathan Doughty (ECE) es vom Koch und Wirt zum „Global Head of Foodservice“ bringen können. „Dafür musste ich 55 Jahre alt werden – und bin schon, seit ich 13 bin, in der Gastro-Branche tätig“, sagte der Brite mit gewohnt entwaffnender Offenheit. Ein Grund für die neue Popularität von Essen & Trinken: „Es kann nicht digitalisiert werden“, so Rüdiger Pleus (Consultant). Und: „Es ist zu hundert Prozent Emotion.“

„Essen ist keine Wunderpille“

Zurück auf den Boden der Tatsachen brachte Daniel Cerqueira da Rocha (Unibail-Rodamco Group) seine Zuhörer, die daraus ein allzu einfaches Erfolgsrezept für ihre Handelsimmobilie ableiten wollen: „Essen ist keine Wunderpille.“ Der Status von Food in der Gesellschaft sei einem schnellen Wandel unterworfen, gerade in Deutschland: Hier sieht er einen Trend vom ängstlichen zum vergnügungsstrebenden Kunden – dank der Generation der „Millennials“, die weitgereist seien, mehr Wert auf Qualität statt Quantität legten und neuen Gastro-Trends wie „Fast Casual“ zum Durchbruch verhülfen. Kein Wunder, dass die „Copy & Paste“-Konzepte vieler Foodcourt-Betreiber bei dieser Zielgruppe nicht mehr funktionierten, so Cerqueira da Rocha.

Auch Jonathan Doughty wählte zum Einstieg seines Vortrags das kaum widerlegbare „Offline-Argument“: „We still can’t eat online.“ Essen sei allgegenwärtig, die Konkurrenz an Food-Anbietern riesengroß: „Wo man früher auf dem Weg zur Arbeit an zwei Gaststätten vorbei kam, sind es heute 23“ – da heißt es, sich mit einem attraktiven Konzept abheben und durchsetzen. Doch was ist attraktiv? Laut Doughty eher nicht das, was man vor allem in deutschen Einkaufscentern noch immer angeboten bekäme. Hier hinke die Qualität des Essens teilweise dramatisch der sonstigen Ware hinterher. Sein Erfolgsrezept, um es besser zu machen? „Die 3 E: Excitement, Entertainment and Emotion.“ Alle drei seiner Meinung nach seit Jahrzehnten zu finden in den Fastfood-Restaurants von McDonald’s.

„Die Gastronomie muss raus aus der 5. Etage und rein ins Erdgeschoss“

Fabian Rieden (SIGNA Food & Restaurant) konnte wohl nicht anders, auch er schloss sich seinen Vorgängern mit dem Hinweis auf die digitale Disruption an, die er humorvoll in folgende Empfehlung goss: „Uber yourself before you get Kodak’d“. Sprich: Man sollte am Ball bleiben, wenn man auch morgen noch in der Gastronomie erfolgreich mitspielen wolle. Umdenken ist seiner Meinung nach auch räumlich angesagt, gerade in Shopping-Centern und Kaufhäusern: „Die Gastronomie muss raus aus der 5. Etage und rein ins Erdgeschoss – verbunden mit passenden Food-Retail-Angeboten.“

Und was macht das Thema Essen – neben der Tatsache, dass es unverrückbar „offline“ ist – jetzt so attraktiv?, will der Moderator zum Schluss noch einmal wissen. Laut Doughty ist es die damit verbundene „Social Stickiness“: „Für mich gibt es nichts Besseres als ein gemeinsames Mahl mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn.“ Und warum boomt das Thema gerade jetzt – und nicht schon vor zehn oder 20 Jahren?, hakt Nowicki noch einmal nach. Daniel Cerqueira da Rocha hat eine Vermutung: „Essen steht für Einfachheit in einer immer komplizierter werdenden Welt.“ In einem waren sich alle Diskutanten einig: Der Food-Trend hat die Welt der Shopping-Center endgültig erreicht, das sei keine vorübergehende Erscheinung: „We will not go back to normal and have shops again.“

Schreiben Sie einen Kommentar