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Crowdinvesting für Immobilien – nur ein Hype?

Wir haben Frank Noé von zinsbaustein.de und Florian Stadlbauer von Commerz Real AG gefragt

 

Das Thema „Crowdinvesting“ ist in aller Munde – schließlich kann so auch Otto Normalverbraucher sein Erspartes in Immobilien investieren. Doch welche Vor- und Nachteile gibt es für Anleger, und welche Auswirkungen hat die Trend-Anlageform auf die Immobilienbranche? Frank Noé (zinsbaustein.de) und Florian Stadlbauer (Commerz Real AG) geben Antworten.

 

Was macht eigentlich …

… Commerz Real AG?

Die Commerz Real AG ist der Assetmanager für Sachwert-Investments im Commerzbank Verbund. Das Unternehmen steht für 45 Jahre Markterfahrung und ein verwaltetes Volumen von rund 32 Milliarden Euro.

… zinsbaustein.de ?

Die Online-Plattform zinsbaustein.de erlaubt es Anlegern, einfach und ohne Depot in renditestarke Baudarlehen zu investieren. Jedes Immobilienprojekt durchläuft einen sorgfältigen Auswahlprozess, bei dem alle relevanten Unterlagen von Experten begutachtet werden.

 

Aus der Sicht eines Crowdinvesting-Startups: Herr Noé, welche Vorteile bietet Crowdinvesting – und für wen?

Frank Noé, zinsbaustein.de: Immobilien-Crowdinvesting schafft eine klare Win-Win-Situation für Anleger wie Bauträger. Für Kleinanleger wird das Immobilieninvestment demokratisiert, denn sie können bereits ab einer geringen Summe investieren. Anders als Fonds erheben wir zum Beispiel auch keine Kosten oder Ausgabeaufschläge auf die angelegten Summen, da wir uns über Gebühren von den Bauträgern finanzieren. Und nicht zuletzt haben wir gemerkt, dass Anleger die Greifbarkeit der Projekte schätzen. Bei einem Fonds hat der Anleger ja wenig Einblick, in was sein Geld investiert wird. Wir dagegen stellen jedes Projekt detailliert vor und geben Interessenten die Möglichkeit, sich selbst ein genaues Bild zu machen.

Das Immobilieninvestment wird demokratisiert.“

Viele Investoren nutzen das auch, informieren sich aktiv und investieren sogar aus Überzeugung, weil sie einen Sinn hinter dem Pflegezentrum oder der Kindertagesstätte sehen.

Genau das ist auch ein großer Vorteil für Bauträger: Crowdinvesting ist Werbung für ihr Projekt und ihr Unternehmen. Durch Online-Marketing und intensive Pressearbeit für jedes Projekt werden zehntausende Anleger und Immobilienfachleute darauf aufmerksam.

Gibt es Nachteile? Wenn ja, welche und für wen?

Frank Noé: Nun, letzten Endes handelt es sich um eine Investition in Nachrangdarlehen. Wie bei Aktien und Anleihen besteht für Anleger das Risiko eines Totalverlustes, wenn eine Projektgesellschaft insolvent geht. Darüber klären wir unsere Kunden jedoch offen auf.

Bei zinsbaustein.de gehen wir an dieses Problem heran, indem wir Projekte sehr sorgfältig auswählen und sie nur auf unsere Plattform nehmen, wenn die Chancen klar die Risiken überwiegen. Komplett ausschließen können wir den Ausfall eines Projektes trotzdem nicht. Anleger sollten nur Gelder in Crowdinvesting anlegen, die sie nicht zum Bestreiten des Lebensunterhalts benötigen, sondern die nur zum Vermögensaufbau bestimmt sind. Neben den oben beschriebenen Risiken verhält es sich beim Crowdinvesting wie beim Festgeld: Es gibt eine bestimmte Frist, während der das Kapital gebunden ist.

Herr Stadlbauer, wie ordnen Sie als etabliertes Finanzinstitut diese Investitionsform für die Immobilienbranche ein?

Florian Stadlbauer, Commerz Real AG: Das Crowdinvesting bietet der Immobilienbranche Möglichkeiten, neue Zielgruppen zu erreichen, die bisher Investitionen in Immobilien nicht in Betracht gezogen haben. Auch mit eher geringen Volumen kann der Einzelne nun in spezifische Projekte investieren.

Aktuell beobachten wir jedoch einen regelrechten Hype um das Crowdinvesting. Es entstehen viele Plattformen, von denen sich vermutlich nicht alle am Markt etablieren werden. Dies hat vor allem negative Auswirkungen für die Verbraucher, also die Privatinvestoren. Die Vielzahl an Anbietern macht den Markt sehr unübersichtlich und erschwert die Auswahl. Wir gehen davon aus, mittelfristig eine Konsolidierung der Immobilien-Crowdinvesting-Branche zu erleben. Dies ist natürlich auch den Anbietern bekannt – der Wettkampf um Aufmerksamkeit ist groß. Wer Aufmerksamkeit erhält und diskutiert wird, der hat gute Chancen, zu jenen Konzepten zu gehören, die sich schlussendlich durchsetzen.

Es mangelt weniger an Investoren, sondern vielmehr an attraktiven Assets.“

Die Gefahr für die Investoren ist dabei jedoch, dass im Rahmen des Crowdinvesting Immobilien angeboten werden können, die zwar Aufmerksamkeit und Traffic auf der Website erzeugen, die bezüglich Rendite und Risiko jedoch weniger attraktiv sind. Diese Entwicklung wird von der aktuellen Situation am Immobilienmarkt weiter befördert: Es mangelt weniger an Investoren, sondern vielmehr an attraktiven Assets.

Wie sollten sich etablierte Unternehmen vs. „junge Player“ positionieren? Tun Sie sich schwerer als „junge Player“ – wenn ja, warum?

Florian Stadlbauer: Wir sehen uns nicht im Wettbewerb mit den „jungen Playern“. Langfristig werden sich jene Konzepte durchsetzen, die in Form von Partnerschaften und Kooperationen Crowdinvesting-Startups mit etablierten Unternehmen zusammenbringen. Etablierte Unternehmen ermöglichen den Zugang zu Assets, verfügen über gewachsene Vertriebsnetze, bieten internationale Vernetzung und erhöhen die Seriosität. Die jungen Player hingegen entwickeln neue Konzepte und können neue Zielgruppen für Investitionen in Immobilien begeistern. Wer diese Vorteile kombinieren kann, hat die größten Chancen, sich erfolgreich am Crowdinvesting-Markt durchzusetzen.

Wer die Vorteile von etablierten Unternehmen und jungen Playern kombinieren kann, hat die größten Chancen, sich am Crowdinvesting-Markt durchzusetzen.“

Herr Stadlbauer, Herr Noé: Welche Auswirkungen hat aus Ihrer Sicht Crowdinvesting auf die Immobilienbranche als Ganzes?

Florian Stadlbauer: Zuallererst zwingt Crowdinvesting die Immobilienbranche dazu, sich ernsthaft mit Themen wie Digitalisierung und Innovation auseinanderzusetzen. Wie immer gilt: Wettbewerb belebt das Geschäft. Dies gilt auch für einzelne Objekte und Projektentwicklung: Diese müssen sich nicht nur wie bisher bei wenigen Entscheidern innerhalb eines Unternehmens durchsetzen, sondern werden zusätzlich von jedem Privatinvestor bei dessen Investitionsentscheidung erneut beurteilt. Dies kann den Markt stabiler machen. Bis wir diese Auswirkung jedoch spüren werden, vergehen vermutlich noch zwei bis drei Jahre, bis sich das Crowdinvesting seinerseits etabliert und auf eine Handvoll bekannter und seriöser Anbieter konsolidiert hat.

Frank Noé: Man setzt große Erwartungen in unsere Branche! Vor kurzer Zeit hat der Bundestag ja sogar die Befürchtung geäußert, dass Crowdinvesting zu einer Immobilienblase beitragen könnte. Aktuell ist das übertrieben, der Markt steckt noch in den Kinderschuhen. In den letzten Jahren kamen jeweils zweistellige Millionenbeträge zusammen – das ist nichts im Vergleich zu den Milliarden, die Banken und Versicherungen jährlich zur Finanzierung von Immobilienprojekten vergeben. Spannend ist aber, dass sich die Marktvolumina fast jedes Jahr verdoppeln. Wenn das Wachstum kontinuierlich erhalten werden kann, wird Crowdinvesting langfristig zu einer bedeutenden Ergänzung im Finanzierungsmix der Immobilienbranche werden.

Die Marktvolumina verdoppeln sich fast jedes Jahr.“

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass wir Bauträgern Zugang zu effektivem Online-Marketing geben. Erfahrungsgemäß sind viele konservativ aufgestellt und beschäftigen sich wenig mit den neuen Medien. Ich glaube, wir können hier ein Bewusstsein für die Vorteile von digitaler Vermarktung schaffen – denn sie wirkt! Ein Beispiel: Zwei Tage, nachdem wir ein Projekt finanziert hatten, bekam der Entwickler einen Anruf mit einem weiteren Projektangebot, weil ein Investor durch sein Projektprofil auf den gängigen Social-Media-Kanälen auf ihn aufmerksam geworden war.

 

Sie interessieren sich für das Thema Digitalisierung der Immobilienbranche? Dann lesen Sie in unserem Blogbeitrag Digital und doch erlebnisreich: der Handel der Zukunft mehr über die Digitalisierungstrends im Handel.

Auch auf der EXPO REAL sind technologische Innovation und Digitalisierung ein wichtiges Thema. Lesen Sie hier mehr zu REIN auf der EXPO REAL 2017.

Sie wollen noch mehr wissen? Im Interview mit Claudia Boymanns erhalten Sie weitere Informationen.

 

Crowdinvesting vs. Crowdfunding

Crowdinvesting und Crowdfunding sind beides Finanzierungsformen. Beim Crowdfunding erhalten die Unterstützer eine nicht-finanzielle Gegenleistung, eine Art Dankeschön. Diese Variante wird sehr häufig für Kunst- oder Kulturprojekte eingesetzt.

Crowdinvesting ist eine spezielle Form des Crowdfunding, bei der die Anleger finanziell am Projekterfolg beteiligt sind. Die Mikroinvestitionen werden als Eigenkapital eingestuft und laufen in Deutschland meist über nachrangige Darlehen. Es besteht das Risiko eines Totalausfalls des investierten Vermögens.

Mehr dazu: http://www.crowdfunding.de/was-ist-crowdfunding/

http://www.crowdfunding.de/was-ist-crowdinvesting/

Florian Stadlbauer

Florian Stadlbauer ist als Head of Digitalisierung für den Aufbau und die Leitung der Digital-Unit der Commerz Real AG verantwortlich. Zuvor leitete er als Gründer und Geschäftsführer einen der deutschlandweit führenden Entwickler von Videospielen. Unter seiner Führung wurden einige der international erfolgreichsten Videospiele aus Deutschland produziert. Stadlbauer ist Beirat und Jurymitglied verschiedener Organisationen bzw. Preiskomitees. Er ist Betriebswirt und promovierte am Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien der Universität München sowie an der Schulich School of Business der York University in Toronto. Privat unternimmt er gerne Ausflüge mit seinen Kindern (10, 6 und 2 Jahre). Zum Leidwesen seiner Frau hat er große Freude an technischen Spielereien – sogenannten Gadgets – und eine Leidenschaft für die „Diva vom Main“, Eintracht Frankfurt.

Frank Noé

Frank Noé ist Geschäftsführer und Chief Investment Officer bei zinsbaustein.de. Nach Stationen bei Ernst & Young, Golding Capital Partners und Shinsei International war er zuletzt als Investment Director bei Castlelake in London tätig. In seiner Freizeit reist er einmal jährlich nach Trier, um einem befreundeten Winzer bei der Weinlese zu helfen.

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