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Moderator Greg Clark, Gesa Ziemer, Astrid Panosyan, Sylvie Gallier Howard, Anni Sinnemäki und Ashok Sridharan beim Eröffnungspanel der EXPO REAL 2019. Moderator Greg Clark, Gesa Ziemer, Astrid Panosyan, Sylvie Gallier Howard, Anni Sinnemäki und Ashok Sridharan beim Eröffnungspanel der EXPO REAL 2019.

„Who is the city for?“ – „Für wen ist die Stadt?“

Stephanie von Keudell
Stephanie von Keudell
freie Journalistin

Unter der temperamentvollen Moderation von Prof. Greg Clark, London, näherten sich Ashok Sridharan, Oberbürgermeister von Bonn, seine Kollegin Anni Sinnemäki aus Helsinki, Sylvie Gallier Howard, First Deputy Commerce Direktor der City of Philadelphia, Astrid Panosyan von Unibal-Rodamco-Westfield, und Prof. Gesa Ziemer von der HafenCity Universität, Antworten auf die Fragen nach der Partizipation der Bürger an „ihren“ Städten. Die Diskutanten waren sich dabei völlig einig darin, dass Städte für alle Bürger da sein sollten und ihnen gleiche Chancen auf Teilhabe unabhängig von Herkunft, Status und Einkommen bieten sollten.

Dieses hehre Ziel droht jedoch zu scheitern, wenn es der jeweiligen Kommune nicht gelingt, die Herausforderungen durch starkes Wachstum, wie im Falle Bonns und Helsinkis, umwelt- und sozialverträglich zu lösen. Der Bonner OB sprach das Problem offen an: „Können wir uns das Wachstum unter den Aspekten Klimaverträglichkeit und Partizipation aller Akteure überhaupt leisten?“ Nur durch integrierte Lösungen werden komplexe Netzwerke, wie Städte es heutzutage sind, befähigt, Umweltverträglichkeit, Versorgung mit Bildung und Wohnraum sowie Befriedigung der Transportbedürfnisse unter einen Hut zu bringen.

 

Inklusivität als der Schlüssel zu klimafreundlichem Wachstum

 

Anni Sinnemäki konkretisierte diese konträren Anforderungen: Helsinki wächst seit dem Jahr 1900 kontinuierlich stark und muss als Stadt sowohl für Eingesessene als auch für Zuzügler funktionieren, also Wohnraum schaffen, familienfreundlich sein und gute wirtschaftliche Bedingungen bieten. Die Stadt stellt sich dieser Herausforderung, indem sie in frühkindliche Bildung, beispielsweise in Form von Kinderbetreuung und Lehrpersonal, investiert, ohne die Klimapolitik aus den Augen zu verlieren. Denn sie hat es sich zum Ziel gesetzt, trotz des notwendigen Wachstums bis 2035 ihre Emissionen um 80% gegenüber 1990 zu reduzieren. Das erfordert enorme Anstrengungen, um Transportmöglichkeiten und Energieerzeugung zu verbessern.

Sylvie Gallier Howard aus Philadelphia betonte, wie wichtig es sei, das erwünschte Wachstum inklusiv zu gestalten. Gerade für eine Kommune wie Philadelphia, die erheblich mit Deindustrialisierung zu kämpfen hatte und eine der höchsten Armutsquoten der USA verzeichnet, bevorzugt sie „growing in equity“, das bedeutet stetiges und verantwortungsbewusstes Wachstum im Gegensatz zu ungezügeltem Raubtierkapitalismus. Philadelphia soll bezahlbar und lebenswert für alle Bürger bleiben und dynamische Diversität ermöglichen.

 

Städte müssen zusammenarbeiten

 

Als Vertreterin der Wirtschaft präzisierte Astrid Panosyan Verbindung und Interaktion als Funktionen einer Stadt. Oder kürzer: Die Stadt ist Lebensraum für alle! Deshalb müssen Städte unter- und miteinander zusammenarbeiten, um Ungleichgewichte zu vermeiden und eine gesunde Mischung von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und sozialen Zwecken zu ermöglichen. Panosyans Unternehmen beabsichtigt, seinen CO2-Fußabdruck bis 2030 um 50 % zu reduzieren, und kooperiert zu diesem Zweck mit Partnern aus allen Gliedern der Wertschöpfungskette. Auch ihr Ziel ist Wohlstand für jeden und Inklusion über alle Bevölkerungsgruppen hinweg.

 

An Lösungsfindungen für die Stadt der Zukunft müssen alle Stakeholder beteiligt sein – auch die Bürger

 

Verständnis für die Nöte der Kommunen ob der hohen Erwartungen, die an sie gestellt werden, äußerte Prof. Gesa Ziemer. Wachstum in Ballungsräumen führt in aller Regel zu Verdichtung, weil der räumlichen Ausdehnung häufig geographische oder politische Grenzen gesetzt sind. Während in den USA und Asien nicht nur in Megacities mit über 10 Millionen Einwohnern relativ ungerührt in die Höhe ausgewichen wird, bestehen in Europa vielerorts Vorbehalte gegen Wolkenkratzer, die notwendige Verdichtung widerspricht dem verständlichen Wunsch nach einer luftigen Bebauung mit großzügigen „grünen Lungen“.

In ihrem City Science Lab untersuchen Ziemer und ihre Kollegen interdisziplinär Zukunftsszenarien, um Lösungen für die Stadt der Zukunft zu finden, und stellen in diesem Zusammenhang Fragen nach der individuellen Mobilität der Zukunft, möglichen Wohnungstypen und dem Wie, Wo und Wieviel des Baus dringend benötigter neuer Schulen. Dabei ist es unverzichtbar, die Wirtschaft zur Teilhabe einzuladen, weil Top-Down-Planung heute nicht mehr funktioniert – alle Stakeholder, also auch die Bürger, müssen an der Lösungsfindung beteiligt werden, um konstruktiv arbeiten zu können.

 

Die „Neuerfindung“ des Zusammenlebens als eine der größten Herausforderung unserer Zeit

 

Die Zusammenarbeit mit der Immobilienbranche ist für all diese Herausforderungen unverzichtbar. Nur eine gemeinsame Quartierplanung kann die Voraussetzungen für Lebensqualität und Inklusion schaffen. Als Beispiel nennt Sirdharan das ehemalige Regierungsviertel in Bonn, das auf engem Raum und mit kurzen Wegen Wohnen, Büro, Kinderbetreuung und Einkaufen verbindet. Privates Kapital ist notwendiger Treibstoff für den Fortschritt in der Stadt: Für Helsinki beziffert Sinnemäki das Verhältnis öffentlicher zu privaten Investitionen mit etwa 1 zu 4 und wünscht sich, dass die Kommunen die Ziele vorgeben und die Investoren das Mikromanagement vornehmen.

Dass die Zusammenarbeit von Kommunen und Privaten verbessert werden muss, darüber waren sich alle Diskutanten einig. Die „Neuerfindung“ des Zusammenlebens stellt eine der größten Herausforderungen unserer Zeit dar. Positive Ansätze sind bereits zu erkennen: So hat beispielsweise die ECE in der HafenCity gezeigt, wie ein Privater den öffentlichen Raum so gestalten kann, dass Teilhabe möglich und erwünscht ist. Die ehrgeizigen Umweltziele, die sich unsere Gesellschaft dringend setzen muss, sind erst recht nicht im Alleingang zu erreichen. Ökonomisches Denken in der Immobilienbranche muss um kulturelle und soziale Aspekte erweitert werden, gleichzeitig muss beim Bürger um Verständnis für Renditeziele privater Investoren geworben werden.

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