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„Weltstädte sind auf ihre Nationalstaaten und Nationalstaaten auf ihre Weltstädte angewiesen“

Stephanie Trapp rezensiert World Cities and Nation States von Greg Clark und Tim Moonen (Wiley, 2016). Das Buch befasst sich mit Veränderungen in den Beziehungen zwischen Großstädten und ihren Nationen und argumentiert gegen den vorherrschenden Glauben, dass wir am Anfang eines neuen Zeitalters von Stadtstaaten stehen. Stattdessen wird die Meinung vertreten, dass Städte mit ihren Landesregierungen viel enger zusammenarbeiten sollten, um die Aussicht auf eine globale Urbanisierung zu gewährleisten.

 

In diesen Tagen lesen wir häufig von Städten auf der ganzen Welt, die – enttäuscht und frustriert von ihren nationalen Regierungen – meinen, auf diese nicht mehr angewiesen zu sein. Viele Veröffentlichungen der letzten Jahre plädieren für eine neue Ordnung, in der Großstädte zunächst ihre eigenen und dann erst die Probleme der restlichen Welt lösen sollen.

In ihrem neuen Buch World Cities and Nation States stellen Greg Clark und Tim Moonen dieses Konzept in Frage. Ihre Einschätzung ist einfach: Heute sind Weltstädte mehr als je zuvor auf Nationalstaaten und Nationalstaaten auf ihre Weltstädte angewiesen.

Im Gegensatz zu einigen aktuellen Veröffentlichungen, die eine eingeschränkte Sichtweise einnehmen, ziehen Clark und Moonen bewusst einen globalen und pluralistischen Ansatz heran. Das Buch baut auf den Erfahrungen von zwölf Großstädten und ihren Nationalstaaten auf und konzentriert sich stark auf aufstrebende Staaten in verschiedenen politischen Systemen. Diese unterschiedlichen Blickwinkel liefern eine differenzierte Perspektive, die letztlich den Wert einer strategischen Zusammenarbeit über mehrere Regierungsebenen bestätigt.

Zentralistische Staaten und eigenständige Großstädte

Clark und Moonen werfen einen interessierten Blick auf die Geschichte und stellen fest, dass das Vermächtnis des Konzepts von Nationalstaaten aus dem 20. Jahrhundert in der Tat eine große Rolle spielt – auch wenn wir in einem Jahrhundert leben, in dem sich Städte teilweise von nationalen Trends abgekoppelt haben.

Nationale Regierungen des 20. Jahrhunderts haben ihre Macht- und Finanzstrukturen aufgrund von Kriegen, Autoritarismus oder Parteinahme substanziell zentralisiert. Wirtschafts- und raumentwicklungspolitische Grundsätze wurden auf höherer, nicht auf lokaler Ebene gestaltet. In der Zeit nach 1945 wurde die Mehrzahl der Großstädte für soziale, wirtschaftliche und ökologische Misserfolge verantwortlich gemacht und selten als Motor für Entwicklungschancen betrachtet. Selbst in föderalen Staaten sind das Vermächtnis zentralisierter Systeme und ein Einheitsdenken tiefer verwurzelt, als die meisten sich eingestehen möchten, so die Autoren. Sie gestalten die „Kunst des Möglichen“ für die heutigen Weltstädte.

Zwölf kurzweilige Fallstudien zeigen häufige Spannungen auf

Die zwölf in diesem Buch untersuchten Fallstudien zeigen häufige Spannungen innerhalb nationaler Regierungen auf, die zwischen der Förderung ihrer wichtigsten Städte und der Eindämmung der Nebenwirkungen ihres Erfolgs hin- und hergerissen sind. Die Bandbreite der Beispiele zeigt, warum eine Entscheidung für Alleingänge oder für eine Unterordnung die falsche Wahl ist. Wenn überhaupt, dann stehen folgende Möglichkeiten zur Auswahl: Entweder bleibt es beim gestörten Status quo, der unkontrolliertes Wachstum sowie eine Nullsummenpolitik erlaubt und belohnt, oder man entscheidet sich für eine nachhaltige und partnerschaftliche Führungskultur, die ein stärker kontrolliertes, langfristiges Wachstumsmodell sowohl für Weltstädte als auch für den Rest der Nation fördert.

Zentralistische Systeme können mehr Erfolgsgeschichten erzählen

Die kurzweiligen Fallstudien zeigen deutlich, dass sich große Teile der jüngsten Fortschritte in Weltstädten innerhalb eines zentralistischen Einheitssystems abgespielt haben.

In London ist der Wandel vom Machtvakuum der 1990er zu einer zunehmend gut verwalteten und strategischen Metropole gelungen. Die Bemühungen, die Begleiterscheinungen von Londons Wachstum zu bewältigen, sind relativ weit vorangeschritten und sollten sich nach dem Brexit noch weiter verstärken. Derweil wurde in Paris ein staatliches Modell durch ein flexibleres System ersetzt, das sich durch Verhandlungen, Kompromisse und Dialogbereitschaft auszeichnet – auch wenn es von Institutionen durchsetzt ist. Wir erfahren, wie die nationalen Regierungen in Seoul und Tokyo Neuerungen vorgenommen haben, um deren Rollen in der Welt und ihren Investitionsbedarf zu unterstützen. In all diesen Städten hatten eine starke Interessenvertretung und festgelegte Agenden durch charismatische Bürgermeister einen beachtlichen Effekt.

Demgegenüber ist das Bild, das sich in föderalen Staaten abzeichnet, weniger vielversprechend. Mumbai ist das Opfer aufeinanderfolgender, schwerwiegender Koordinierungsfehler sowie von Fehlern in der Führungsspitze. New York verfügt über eine größere Unabhängigkeit, scheint jedoch nur in Krisenzeiten Hilfe zu erhalten Die Geschwindigkeit und das Ausmaß an Zugeständnissen an São Paulo, um seine Schulden und Steuerprobleme zu reduzieren, sind viel zu gering, um die urbanen Veränderungen bewältigen zu können. In Toronto sehen wir ein gemischtes Bild, allerdings gibt es hier mehr und mehr Defizite in der Infrastruktur.

Nationale Regierung ist immer ein entscheidender Partner

In jedem dieser Fälle ist die zwischengeschaltete staatliche Regierung der entscheidende Partner, allerdings stellt die Kluft zwischen Stadt und Land ein eindeutiges politisches Hindernis für einen gemeinsamen Ansatz dar. Clark und Moonen vermitteln dabei nicht den Eindruck, dass all diese Mängel natürliche Schwachstellen föderaler Systeme seien. Gleichwohl deuten sie jedoch auf die Notwendigkeit neuer Vereinbarungen zwischen Weltstädten und Föderalregierungen hin, die auf einer klareren nationalen Strategie, intelligenteren Investitionen und der Würdigung der Probleme von Metropolen beruhen.

Die fesselndsten Beispiele in World Cities and Nation States finden sich unter Städten mit „Sonderstatus“. So wird die Effizienz der chinesischen Politik in Hong Kong und Shanghai hervorgehoben, auch wenn die Autoren die berechtigte Frage stellen, ob das Modell auf den nächsten Wachstumszyklus vorbereitet werden kann oder werden wird. Die russische Zentralisierung von Moskau ist ein zweischneidiges Schwert und eröffnet eine neue Perspektive auf die Stadt. Zu guter Letzt analysieren die Autoren Singapur, das Musterbeispiel eines Stadtstaats, dessen Erfolg die enthusiastischen Befürworter in ihrem Bestreben unterstützt, Weltstädte abzuspalten und ihnen staatenähnliche Befugnisse zu verleihen.

Zukunft der Weltstädte hängt von nationalen Kooperationen ab

Clark und Moonen halten die Meinung aufrecht, dass diese Sehnsucht nicht hilfreich und zudem illusorisch sei. Trotz aller Defizite und aufkommender Probleme ist der Nationalstaat noch lange nicht am Ende. Werden Städte dazu ermutigt, ihre Ziele alleine zu erreichen, ist es absehbar, dass sie dabei mittelfristig scheitern sowie jedwede Zuversicht und Entschlossenheit verlieren.

Stattdessen hängt die Zukunft der Weltstädte zu einem großen Teil von umsichtigen Kompromissen und intelligenten Partnerschaften ab, in denen private und staatliche Sektoren eine wichtige Vermittlerrolle spielen. Nur durch den Aufbau nationaler Kooperationen kann ein produktiver Konsens in den Bereichen Immigration, Wohnungsbau, Planungssysteme, Verwaltungsstrukturen, Arbeitsmärkte und Investitionen gefunden werden. World Cities and Nation States plädiert für die mühevolle, hart umkämpfte und strategische Organisationsarbeit sowie für Verhandlungen und eine starke Führung, anstatt sich nach der Trump-/Brexit-Verzweiflung seinem Schicksal zu ergeben oder der Euphorie eines neuen Zeitalters zu erliegen. Bürger und Entscheidungsträger, die sich dieser Herausforderung stellen, das Nullsummendenken hinter sich lassen und auf eine für beide Seiten vorteilhafte Koexistenz hinarbeiten, können nur gewinnen.

World Cities and Nation States von Greg Clark und Tim Moonen

304 Seiten

Erscheinungsdatum: Dezember 2016

Wiley, 2016

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