Alissia Iljaitsch, Dirk Brandt, Dr. Thomas Herr, Jürgen Michael Schick, Martin Rodeck

Quo vadis, Immobilienbranche?

Man kann es fast nicht mehr hören: Unternehmen müssen die Digitalisierung für sich nutzen, sonst gehen sie unter. Wohl wahr, aber: Wie muss sich die Immobilienbranche verändern, um Schritt zu halten? Und wohin geht die Reise? Wir haben unsere Experten von IQ Gemini, Strabag, CBRE, IVD und ZIA befragt – viel Spaß beim Blättern!

Alissia Iljaitsch

Alissia Iljaitsch
Gründerin und Strategin für digitale Innovation, IQ Gemini

Welche alten Hüte muss die Immobilienwirtschaft aus Ihrer Sicht im digitalen Zeitalter über Bord werfen?
Immer mehr Funktionalitäten im und um das Haus herum lassen sich per Sprachbefehl kontrollieren. Die Automobilbranche experimentiert ebenfalls mit neuen Geschäftsmodellen zu sprachaktivierten Systemen. Der Immobilienwirtschaft möchte ich ans Herz legen, die Möglichkeiten der Automatisierung und Vernetzung als ernsthaftes, neues Geschäftsfeld in Betracht zu ziehen, denn schon heute gehen viele Gewerke für Heimautomatisierung direkt an den Elektriker und damit an der Immobilienwirtschaft vorbei.

Welche neuen Hüte muss sie sich aufsetzen?
Ich rate, viel mehr in Technologiepartnerschaften und internes Technologie-Know-how zu investieren. Es braucht einen Wandel in der Unternehmenskultur. Es müssen Mitarbeiter und Teams gefördert werden, die in der Lage sind, sich vorzustellen, was uns bevorstehen könnte, und dann Ideen in ein smartes Geschäftsmodell verpacken. Hier sind wir nicht nur auf junge Tech-Talente, sondern besonders auf die etablierten Immobilienexperten angewiesen.

Was war Ihr persönliches „digitales Erweckungserlebnis“?
Mein Berufsalltag ist durch das Testen von neuen Technologien und Ableiten von neuen Produkten und Geschäftsmodellen geprägt. Ich freue mich immer wie ein Kind über technische Neuerungen. Mein digitales Erweckungserlebnis kommt jedoch aus einem anderen Bereich. Für die Entwicklung eines guten Technologieprojektss braucht man verschiedene Akteure: Visionäre, Produktexperten, Ingenieure, Designer, Projektmanager. Mein digitales Erweckungserlebnis ist, wenn ein Team etwas erschafft, das größer ist als sie selbst.

Foto: IQ Gemini

Dirk Brandt

Dirk Brandt
Geschäftsführer Technisches Facility Management/Baumanagement bei STRABAG Property and Facility Services

Welche alten Hüte muss die Immobilienwirtschaft aus Ihrer Sicht im digitalen Zeitalter über Bord werfen? Welche neuen Hüte muss sie sich aufsetzen?
Asset Management, Property Management und Facility Management sind Immobiliendienstleistungen, deren Prozesse noch viel zu stark voneinander abgegrenzt werden. Das muss sich ändern. Die Telekommunikationsbranche hat es uns mit E2E vorgemacht: Gefragt sind ganzheitliche Modelle mit durchgängigen Prozessketten – vom Kunden mit all seinen Bedarfen bis zur Erbringung sämtlicher Leistungen – ohne sichtbare Schnittstellen.

Was war Ihr persönliches „digitales Erweckungserlebnis“?
Der Sprung von der 3D-Brille im Kino zur MR- oder AR-Technologie im Job: Avatar war gestern. Die Digitalisierung hebt Immobilienservices in eine neue Dimension. Beispiel: HoloLens.

Foto: Strabag

Thomas Herr

Dr. Thomas Herr
EMEA Head of Digital Innovation bei CBRE PREUSS VALTEQ

Welche alten Hüte muss die Immobilienwirtschaft aus Ihrer Sicht im digitalen Zeitalter über Bord werfen?
Die Branche hat lange gut mit einem gewissen Maß an Intransparenz gelebt. Ganze Geschäftsmodelle bauten darauf auf. Dies wird sich verändern, genau wie die Zusammenarbeit zwischen Anbieter und Nachfrager – aber auch zwischen Mensch und Maschine.

Welche neuen Hüte muss sie sich aufsetzen?
75 Prozent der Mitarbeiter in der deutschen Immobilienwirtschaft sind nach einer kürzlich von uns durchgeführten Studie noch nicht für die digitalen Technologien bereit. Es gilt deshalb, digitale Kompetenzen aufzubauen und in die Technologien der Zukunft zu investieren. Am wichtigsten sind jedoch die innere Transformation der Unternehmen und ein entsprechender Wandel der Firmenkultur.

Was war Ihr persönliches „digitales Erweckungserlebnis“?
Der Spruch: „Vergiss Englisch! Die Lingua franca der Zukunft ist Code.“

Foto: CBRE

Jürgen Michael Schick

Jürgen Michael Schick
Präsident des Immobilienverbandes IVD

Welche alten Hüte muss die Immobilienwirtschaft aus Ihrer Sicht im digitalen Zeitalter über Bord werfen?
Viele Branchenteilnehmer verlassen sich zu sehr auf alte Stärken und auf längst vergangene Praktiken. Nostalgie ist aber kein Zukunftsmodell. Die große Gefahr für viele besteht darin, dass es ihnen einfach zu gut geht und sie deshalb ihre eigene Innovationskraft nach hinten stellen. Wer ändert schon seine Arbeitsweise, wenn es ihm wirtschaftlich gut geht? Diese Einstellung ist angesichts der Digitalisierung extrem gefährlich.

Welche neuen Hüte muss sie sich aufsetzen?
Gute Konjunktur sollte genutzt werden, um den Schritt nach vorn zu machen – und zwar nicht theoretisch, sondern durch ganz konkrete Maßnahmen. Dazu hat der IVD mit zahlreichen Experten einen „Digital Kompass“ entwickelt. Der Kompass ist ein Leitfaden und ein interaktiver Ratgeber, der seit Juni dieses Jahres mittelständische Unternehmen in der Immobilienwirtschaft Schritt für Schritt bei der Digitalisierung begleitet. Er analysiert das Unternehmen, zeigt Bedarfe auf und gibt ganz konkrete Handlungsempfehlungen mit entsprechenden Anbietern und Kostenkalkulationen.

Was war Ihr persönliches „digitales Erweckungserlebnis“?
Digitalisierung ist für mich gleich doppelt wichtig. Erstens reagieren unsere Kunden heute in Echtzeit und erwarten das gleiche auch von ihren Dienstleistern. Wer heute eine Frage hat, möchte das Exposé nicht erst zwei Tage später erhalten. Auf der anderen Seite bietet die Digitalisierung für uns ein enormes Potenzial zur Optimierung der eigenen Abläufe. Was früher viele Mitarbeiter beansprucht und lange Zeit gebraucht hat, geht heute mit wenigen Klicks. Das macht uns zukunftsfähig.

Foto: IVD

Martin Rodeck

Martin Rodeck
Innovationsbeauftragter des ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss und Geschäftsführer der OVG Real Estate GmbH

Welche alten Hüte muss die Immobilienwirtschaft aus Ihrer Sicht im digitalen Zeitalter über Bord werfen?
Die Immobilienwirtschaft hat ein sehr traditionelles Geschäft. Nun müssen wir anfangen, neue Wege zu ergründen. Aus diesem Grund müssen wir künftig das „Wie“ bei Planung, Entwicklung, Finanzierung und Vermietung grundsätzlich und kritisch hinterfragen. Wie entwickeln sich beispielsweise Mietverträge in Zeiten eines sich verändernden Nutzerverhaltens? Und wie kann ich die Planungsprozesse mit digitalen Möglichkeiten optimieren?

Welche neuen Hüte muss sie sich aufsetzen?
Wir sollten uns einen möglichst innovativen Hut aufsetzen. Dafür brauchen wir Leute, die vielleicht weniger Immobilienexpertise als wir haben, dafür aber unkonventionelle Ideen. Wichtig ist es, jede Idee ernst zu nehmen und die Innovationsstrategie zur Chefsache zu erklären. Inzwischen gibt es zahlreiche Proptech-Startups entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Mit vielen Gründern lohnt sich ein Gespräch. Das sollte man suchen.

Was war Ihr persönliches „digitales Erweckungserlebnis“?
Digitalisierung ermöglicht Vernetzung: Die Perspektive, dass ein Smartphone viele verschiedene Funktionen wie Geldbörse, Schlüsselbund, Lichtschalter oder Fernbedienung integriert und somit tägliche Handlungen vereinfacht.

Foto: OVG

Alissia Iljaitsch
Dirk Brandt
Thomas Herr
Jürgen Michael Schick
Martin Rodeck

Lesen Sie mehr zum Thema Digitalisierung und der Zukunft der Immobilienbranche in unseren Blogbeiträgen Proptechs: Umarmen, statt Angst davor haben, Das Ticket ist gelöst: 25 Startups fahren zur EXPO REAL und Startups und Technologie-Unternehmen an Bord.

Mehr Informationen zum REIN-Forum, der Plattform rund um Digitalisierung auf der EXPO REAL, finden Sie auf unserer Webseite oder hier.

Ein Gedanke zu „Quo vadis, Immobilienbranche?“

Schreiben Sie einen Kommentar