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Panorama-Blick über Berlin Berlin: Stadt der vielen Möglichkeiten und stetig steigenden Mieten. / Foto: frank_peters via Shutterstock

Muss jeder, der in Berlin arbeitet, auch dort wohnen?

Jens-Peter Schulz, RETechDACH
Jens-Peter Schulz
Geschäftsführer, Dresdner Real Estate Investment Holding & Vorsitzender, RETechDACH

 

Ich bin beruflich oft in Berlin und muss zugeben: Die Stadt hat was. Leider nicht nur Gutes. Ich fahre gerne hin – aber noch viel lieber wieder weg. Allein wenn ich an diverse soziale Problemzonen oder die ewigen Staus auf der Stadtautobahn und an die etwa eine Millionen Baustellen denke, vergeht mir die Lust auf dieses Monstrum von Stadt. Auf die Idee, meinen Hauptwohnsitz dorthin zu verlegen, käme ich nie und nimmer. Da lob ich mir mein Dresden.

 

Viele Leute sehen das anders. Die wollen unbedingt in Berlin arbeiten und leben, was erst die Mieten und anschließend das Gejammer über die hohen Mieten in ungeahnte Höhen treibt. Dabei gäbe es eine simple Lösung, das Gejaule einzugrenzen. Denn die Frage ist doch: Muss jeder, der in Berlin arbeitet, auch dort wohnen? Nö! Es gibt genug bezahlbaren Wohnraum rund um Berlin.

 

Erstklassiger Wohnraum in Schwerin oder Cottbus

 

Ich meine damit nicht den Speckgürtel um die Hauptstadt, der längst genauso teuer ist wie Berlin selbst. Denken wir mal nicht kleinkariert, sondern in großen Quadraten. Mir fallen da Städte wie Stralsund, Schwerin, Gotha oder Cottbus ein. Dort gibt es nach wie vor relativ preiswerten, erstklassigen Wohnraum, der das Berliner Problem entspannen und Ostdeutschland beleben könnte, das ja bekanntlich noch immer unter Bevölkerungsschwund leidet.

 

​In ​Berlin ​wurden gerade einmal ​73​ Prozent ​der Wohnungen gebaut, die seit 2016 nötig wären, die Nachfrage zu decken, wie das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln gerade ermittelt hat. Dafür gibt es der IW-Studie zufolge auf dem Land, speziell im Osten, Überkapazitäten, also Leerstand. Woran es fehlt, sind die schnellen Verbindungen.

 

Die Bahnanbindung muss aufgerüstet werden – Vorbild Japan

 

Auch Leute, die in Städten von mehr 100 Kilometer Entfernung zu Berlin leben, könnten jeden Tag mit dem ICE zum Arbeitsplatz pendeln. Ich ahne, was Sie jetzt denken. Mein Vorschlag sei irre, weil er die Bahn einbezieht. Stichwort Verspätung! Wer will schon das Risiko eingehen, jeden Arbeitstag zitternd im Zug zu sitzen, weil er oder sie Bammel hat, mal wieder fürs Zu-spät-Kommen vom Chef abgewatscht zu werden? Das kann nur klappen, wenn Deutschland Geld in die Hand nimmt und seine Bahn aufrüstet. Konsequenter Ausbau des Streckennetzes. Weg vom Auto in die Bahn. Dann gibt’s auch weniger Schulschwänzer an Freitagen.

 

Deutschland ist nach wie vor Europas Konjunkturlokomotive, hat aber einen der schlechtesten Bahnbetriebe auf dem Kontinent. Ein schwerreicher G7-Staat wie wir muss sich Japan zum Vorbild nehmen. Während hierzulande der Reisende jubelt, wenn sein Zug mit weniger als zehn Minuten über Plan eintrifft, werden in dem asiatischen Land Bahnverspätungen nicht in Minuten oder Stunden gemessen, sondern in Sekunden. Die Regierung in Tokio lässt das Netz für die brutal schnellen Shinkansen seit Jahrzehnten kontinuierlich ausbauen. Die Hammer-Züge schaffen knapp 700 Kilometer in etwas mehr als drei Stunden – und es soll bald noch schneller werden, wenn die nächste Shinkansen-Generation an den Start geht.

 

Auch in Frankreich ist die Bahn die bessere Alternative

 

Aber selbst Frankreich als Vorbild würde schon helfen. Vier Stunden braucht der Autofahrer für die mehr als 300 Kilometer von Nancy nach Paris. Der TGV schafft es in eineinhalb Stunden – und ist obendrein bezahlbar, während unsere Bahn Mondpreise verlangt und neidig auf Easyjet schaut. Eine erstklassige aufgestellte Airline als „Billigflieger“ zu verspotten, gibt‘s auch nur in Deutschland.

 

Liebe Politik: Bitte mal großkariert denken

 

Die Lausitz steht mit dem Kohleausstieg vor einem gigantischen Strukturwandel. Die einzige größere Stadt der Region ist Cottbus mit rund 100.000 Einwohnern. Alternative Arbeitsplätze müssen geschaffen werden, wenn Cottbus nicht zum Nirwana werden soll. Nach dem Ende der Kohle dürften noch mehr Leute nach Berlin pendeln. Berlin-Cottbus wäre selbst für unsere Watschel-ICE in einer halben Stunde drin. Aber schon jetzt hat die Bundesregierung nein gesagt. Unter Verweis auf eine frühere Prüfung der Strecke Cottbus-Görlitz. Das Projekt wurde – Sie ahnen es sicher schon – als „nicht gesamtwirtschaftlich vorteilhaft“ eingestuft. Unsere Regierung denkt halt kleinkariert.

 

 

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