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Globalisierung, Brexit, Trump: Wo soll das alles hinführen?

Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz über die Zukunft der westlichen Wirtschaftsordnung und warum sie in ihrer jetzigen Form auf dem Spiel steht.

 

Der Grundkonsens über gelenktes Wirtschaftswachstum im Westen geht in die Brüche. Seit dem 2. Weltkrieg bewegen wir uns in eine immer integriertere globale Wirtschaft, beruhend auf Regeln mit ständig zunehmenden grenzüberschreitenden Bewegungen von Arbeitskräften, Kapital, Wissen und Menschen. Wie bei jeder Veränderung gab es zwar Sieger und Verlierer, aber die Gewinne schienen doch deutlich zu überwiegen. Es gab immer diejenigen, die sich um einen daraus resultierenden Souveränitätsverlust sorgten, aber ihre Stimmen wurden von denen, die die wirtschaftlichen Zugewinne feierten, übertönt. In Europa war das „europäische Projekt“ mit einer immer engeren Integration in die Europäische Union sogar noch weiter gegangen. Ein Kontinent, der von zwei riesigen Flächenbränden heimgesucht worden war, hatte seit fast 75 Jahren Frieden und Wohlstand. Die Öffnung seiner Tore für die Länder in Ost- und Mitteleuropa war wesentlich für ihren erfolgreichen Übergang vom Kommunismus zur Marktwirtschaft.

Auf Regeln gestützte Weltordnung in Auflösung?

Die Große Rezession von 2008 bereitete den Weg dafür, dass all dies nun in die Brüche geht. Bei der Wahl von Trump in den USA und beim Brexit-Referendum in Großbritannien forderten diejenigen, die anscheinend leer ausgegangen waren, eine Kursänderung. Die USA, Anführer bei der Schaffung einer auf Regeln gestützten Weltordnung, scheinen nun der Anführer bei deren Auflösung zu sein. Auf beiden Seiten des Atlantik und in der ganzen Welt herrscht eine große Unsicherheit: Wo soll all dies noch hinführen, und zwar sowohl wirtschaftlich als auch politisch?

Verlagerung von London nach Frankfurt?

Das Versagen der Globalisierung, oder gar der viel beschränktere Austritt Großbritanniens aus der EU, hatten riesige Auswirkungen auf die Standorte wirtschaftlicher Aktivitäten. Die Debatte darüber, wie viel der in London angesiedelten Finanzwirtschaft verlagert werden müsste, zeigt dies; aber eine Entglobalisierung, insbesondere wenn sie schnell vonstattengeht, könnte sich als so destabilisierend erweisen, wie die Globalisierung dies im letzten Dritteljahrhundert war. Große Bewegungen von Unternehmen und Menschen werden große Auswirkungen auf Immobilienwerte und Immobilien allgemein haben. Und selbst die Erwartung, dass es zu diesen Bewegungen kommen könnte, kann bereits große Folgen haben. Man stelle sich vor, alle Finanzaktivitäten, die jetzt in London stattfinden, werden nach Frankfurt verlegt. Da geht es nicht nur um den benötigten gewerblichen Raum, sondern auch um Wohnraum für die Tausenden, die in diesem Bereich arbeiten. Und wenn auch, egal was passiert, London weiter einen blühenden Finanzsektor haben wird, so hängt doch ein erheblicher Anteil der heute in London abgewickelten Transaktionen mit der EU zusammen, und welcher Teil davon verlegt wird, hängt davon ab, was ausgehandelt wird.

Herausforderungen für Europa

Aber das ist nicht die einzige Quelle der Unsicherheit für die Wirtschaft ganz allgemein und heute auch insbesondere für die Immobilienwirtschaft. Auch wenn sie noch zögerlich ist, war die Erholung in den USA immerhin so stark, dass die US-Notenbank sich wieder in Richtung einer „normalen“ Geldpolitik bewegt. Die Zinssätze sind um einen ganzen Punkt gestiegen. Auch wenn noch reichlich Unsicherheit über den Fortschritt der Erholung von Amerika besteht: Wenn es darum geht, genau zu wissen, wie schnell künftige Zinserhöhungen stattfinden werden, so ist es doch höchst wahrscheinlich, dass sie in den nächsten zwei Jahren kommen. Zu den inhärenten wirtschaftlichen Unsicherheiten kommen die durch die Regierung Trump hervorgerufenen noch hinzu. Die Unfähigkeit, Wahlkampfversprechen in Gesetze umzusetzen, ist vielleicht ohnegleichen. Zugesagte Steuersenkungen und Erhöhungen von Infrastrukturausgaben werden immer zweifelhafter; aber andererseits gilt dies auch für den versprochenen größeren Protektionismus. Angesichts der vielen unbesetzten Stellen in der Notenbank und des nahenden Endes der Amtsperiode ihrer Chefin hat Trump die Gelegenheit, die Notenbankpolitik so zu ändern, dass die einsetzende Inflation nicht mehr so sehr im Vordergrund steht. All dies führt zu wichtigen Herausforderungen für Europa. Nachdem die Erholung in Europa langsamer fortschreitet als in den USA, ist die Geldpolitik vielleicht nicht mehr so stark synchronisiert wie in der Vergangenheit, und dies kann zu großen Kapitalflüssen über die Grenzen und noch mehr Unsicherheit führen. Dies mag besonders für die EZB gelten, die an ihr Inflationsmandat gebunden ist, und wenn für die USA die Inflation einen geringeren Stellenwert hat, auch wenn der Inflationsdruck zunehmen sollte.

Auswirkungen auf die Weltwirtschaft

Das Einzige, was sicher ist, ist, dass diese Veränderungen in der Geo- und Geldpolitik tiefgreifende Auswirkungen auf Wachstum und Stabilität allgemein und auf praktisch jeden Wirtschaftsbereich haben werden, und insbesondere diejenigen – wie die Immobilienwirtschaft – die besonders empfindlich auf Zinssätze reagieren.

 

Prof. Dr. Joseph E. Stiglitz auf der EXPO REAL

Uncertainties in Economics and Politics: What matters? What is the influence for real estate?

Vortragssprache: Englisch

Freitag 06.10.2017 / 10:00 – 12:00

Halle A2, Stand 540

 

Lesen Sie auch ein Stiglitz-Interview im EXPO REAL-Preview-Magazin von PropertyEU, Seite 13.

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