EXPO REAL Fokusthema des ersten Messetages: Gesamtökonomie

Ohne Zins und Verstand oder: Ende der Niedrigzinsphase?

Internationale Spannungen schaffen neue politische und ökonomische Szenarien. Zudem herrscht Unsicherheit, ob die Niedrigzinsphase noch lange anhält. Wie wirkt sich die veränderte Situation auf die Wirtschaft allgemein und speziell auf die Immobilienbranche aus? Dieser Frage widmeten sich am ersten Messetag zwei Panel unter dem Dachthema „Gesamtökonomie“ im EXPO REAL FORUM: „Ende der Niedrigzinsphase?“ und „Ohne Zins und Verstand?“.

 

Zwei Lehrstunden in Ökonomie

Um es gleich vorwegzunehmen: Die beiden Panels gerieten dank hochkarätiger Besetzung zu zwei Lehrstunden in Ökonomie. Eröffnet wurde der Morgen von Prof. Clemens Fuest, Chef des ifo-Institutes und „einer der renommiertesten Ökonomen Deutschlands“, wie Moderator Thorsten Riecke vom Handelsblatt seinen Keynote-Speaker präsentierte. Fuest stellte drei Thesen in den Raum: Die Wirtschaftslage in Deutschland ist laut ifo-Geschäftsklima-Index – einer Umfrage unter Unternehmern – positiv, wenn auch „noch kein Boom“. Von einer „Blase“ oder „Überhitzung“ könne aktuell auch keine Rede sein. Anders als in den USA 2007/8, also dort die Immobilienblase platzte, normalisierten sich die Immobilienpreise hierzulande eher, und auch ein Anstieg der Privatverschuldung sei in Deutschland nicht zu erkennen. Ursachen für die Niedrigzinsphase gebe es viele, daran sei nicht nur die Politik von EZB-Chef Draghi schuld – vielmehr spiegelten sich darin realwirtschaftliche Probleme und Entwicklungen: Verfall der Arbeitsproduktivität, demografische Entwicklung, Ölpreisverfall. Fuest prognostiziert eine weiterhin sehr schwache Zinsentwicklung – ein Anstieg sei bei den Nominalzinsen, nicht aber bei den Realzinsen zu erwarten.

Diskussionsrunde mit drei Insidern der Immobilienwirtschaft

Mit dieser These eröffnet der Moderator die anschließende Diskussionsrunde mit drei „Insidern der Immobilienwirtschaft“, wie Riecke sie vorstellt: Doris Pittlinger (Invesco Real Estate), Dr. Lutz Aengevelt (Aengevelt Immobilien) und Matthias Meyer (Deutsche Asset Management International).

Pittlinger hebt zu Beginn hervor, dass es keine einheitliche Situation in Europa gebe, sondern jedes Land die Niedrigzinsphase unterschiedlich handhabe. Deutschland sichere seine Verbraucher vorbildmäßig ab. Meyer schätzt die Lage als „nicht risikofrei“ ein, erwartet aber eine gemächliche Entwicklung in Richtung Stabilisierung. Fuest weist darauf hin, dass es eben nicht Aufgabe einer Zentralbank – wie der EZB – sei, Verbrauchern und Wirtschaft „Mindestzinsen“ zu sichern – wohl aber, für Preisstabilität zu sorgen. Pittlinger greift das Argument auf und bricht – wohl als eine Art „advocatus diaboli“ – eine Lanze für den EZB-Chef: Der achte darauf, dass es in Südeuropa nicht durch einen zu starken oder schnellen Zinsanstieg zu Verwerfungen in Staats- wie Privathaushalten komme. Aengevelt hält dagegen: „Wir in der Immobilienwirtschaft könnten uns mehr Zins vorstellen und mehr Zins leisten.“ Pittlinger betont erneut, dass Länder wie Italien oder Spanien sich selbst den aktuell schwachen Euro eigentlich nicht leisten können. Was ist dann das Rezept gegen einen drohenden Zusammenbruch der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland wie Europa?

Fuest meint: Wir müssen auf Bildung und Ausbildung setzen – weist aber zugleich darauf hin, dass in „Winner-takes-it-all“-Economies der positive Effekt „Vorsprung durch Bildung“ abgeschwächt würde durch den Wunsch vieler nach dem besten Produkt. Politik kann seiner Meinung nach allein keine Einkommensunterschiede ausgleichen und sollte den Menschen daher nicht zu viel versprechen, warnt er – auch mit Blick auf die aktuellen Koalitionsverhandlungen in Berlin.

Entzug von der „Droge“ Niedrigzinsen – oder mehr europäische Integration?

Meyer brachte den Blick von außen ein: Die Welt (der internationalen Finanzinvestoren) erwarte von Europa vor allem mehr Einheit – dank Frankreichs neuem Präsidenten Macron sei man da auf einem guten Weg. Aengevelt gibt am Ende noch etwas Salz in die Suppe: „Wir haben uns an die Droge Niedrigzinsen gewöhnt – ich bedaure jeden Finanzminister nach Herrn Schäuble, der uns davon wegbringen soll.“ Fuest greift den Ball auf und setzt zwei prioritäre Ziele für einen neuen deutschen Finanzminister: 1. die Lage im Euroraum verbessern, nicht verschlimmbessern. 2. eine Steuerreform, die Unternehmen moderat auf 25% entlastet – idealerweise durch Abschaffung der Gewerbesteuer, was aber wohl ein Traum bleiben werde. Pillinger plädiert für eine europäische Fiskalunion, also “ein wirklich vereinigtes Europa“. Auch sie fragt sich allerdings, ob das realistisch ist. Sicher sei: „Wir brauchen mehr Integration.“

Freude auf „Jamaika“ und Verständnis für Draghi

Damit endet das erste Panel, das zwei Stunden später von einer ebenso illustren Runde zum Thema „Ohne Zins und Verstand?“ fortgesetzt wird, diesmal unter der Leitung von Philipp Otto, Chefredakteur von „Immobilien & Finanzierung“. Auf dem Podium: Dr. Edgar Zoller (BayernLB), Dr. Gertrud R. Traud, (Helaba Landesbank Hessen-Thüringen), Thomas Landschreiber (Corestate Capital Group) und Prof. Tobias Just (IREBS Immobilienakademie). Aus aktuellem Anlass bittet  der Moderator alle Speaker zunächst um ihr Statement zu „Jamaika“ bzw. der Koalitionsbildung nach der Bundestagswahl in Berlin. Frau Dr. Traud freut sich „unheimlich auf Jamaika“, dessen Zustandekommen sie für wahrscheinlich hält und wovon sie sich nach dem Stillstand der Großen Koalition „endlich wieder eine strukturelle Politik“ erhofft. Prof. Just findet Jamaika „auch gut“ und hofft auf “weniger strittigen Konsens“ als bei der „GroKo“. Für Landschreiber gibt die mögliche Beteiligung der FDP als Regierungspartner „Anlass zur Hoffnung auf weniger Regulierung, aber langfristig stabile Verhältnisse“.

Zurück zum eigentlichen Thema (Niedrig-) Zinsen – und somit zur EZB und deren Chef Draghi. Wieder ist es die Frau auf dem Podium (Dr. Traud), die für ihn eine Lanze bricht und sich gegen pauschales „EZB-Bashing“ ausspricht: Draghi könne eigentlich nichts für seine Haltung: Als Italiener und Vertreter der älteren Generation sei er vielmehr „einfach so sozialisiert – er kommt aus einer Denkschule, die panische Angst davor hat, dass die Wirtschaft sich abschwächt und die Inflation nicht hoch genug ist“. Wir in Deutschland hätten umgekehrt, ebenfalls historisch und wirtschaftstheoretisch bedingt, Angst vor einer zu hohen Inflation. Da prallen also zwei Welten bzw. Wirtschaftsschulen aufeinander.

Der „Sweet Spot“ wird ein Ende haben

Prof. Just rückt Deutschland und die Immobilienbranche wieder in den Fokus. Seiner Meinung nach befinden wir uns aktuell in einem „Sweet Spot“ – also einer Idealsituation. Just: „Das gab es seit Jahrzehnten nicht mehr!“ Ganz ideal sei das auf den zweiten Blick aber leider nicht, denn: „Ein Sweet Spot ist latent instabil“, so der Professor. Um aus dieser Situation herauszukommen, kämen wir um höhere Zinsen nicht herum. In Wahrheit hätten wir zudem längst eine Inflation – nicht im klassischen Warenkorb, aber bei allen Vermögensgütern.

Zoller sieht eine Überliquidität, aber keine Blase, höchstens Überhitzungen – im Vergleich zur Krise von 2007/8 werde mehr konservativ als spekulativ gearbeitet. Fakt sei, dass vor allem aus gesellschaftspolitischer Sicht mehr gebaut werden müsse. Für Gertrud Traud ist es „typisch deutsch“, dass wir die aktuell für die Branche sehr positive Situation des „Sweet Spot“ nicht genießen könnten, sondern sie vielmehr schlecht redeten. Der Aufschwung hierzulande sei jedenfalls „nicht von Draghi gemacht“. Und selbst wenn die Situation, relativ betrachtet, schlechter würde, hieße das nicht, „dass es schlecht werden muss“. Auch Zoller erwartet „keinen massiven Markteinbruch, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern“. Mit diesem verhalten-positiven Ausblick endet das zweite Panel.

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