Immobilienmakler zeigt einem jungen Paar ein Bauprojekt auf einem Tablet © shutterstock.com/Leonardo da

Die digitale Selbstverzwergung der Immobilienbranche

Ulrich Schüppler
Fachredakteur Immobilien Zeitung

Im Vergleich zu den Nachrichten aus anderen Branchen wirken die digitalen Bemühungen der Immobilienwelt mitunter arg zaghaft. Woran das liegt, darüber schreibt Ulrich Schüppler von der Immobilien Zeitung.

 

Die Deutsche Bahn testet im Kurort Bad Birnbach den ersten selbstfahrenden Kleinbus, das World Food Program überwacht die Lebensmittelausgabe in jordanischen Flüchtlingscamps mit Iris-Scannern und die Bundesanstalt für Straßenwesen erprobt in Köln einen Untergrund, der kleine Schäden selbsttätig repariert und nebenbei noch Strom erzeugt. Das waren nur drei aktuelle Beispielmeldungen. Und was geht bei den Immobilien? Nun ja, immerhin kann der Mieter seiner Hausverwaltung nicht nur per App, sondern auch per Amazon-Sprachassistenz mitteilen, ob der Wasserhahn tropft. Zumindest in Frankreich.

Mieterzufriedenheit bei aktueller Marktlage offenbar zweitrangig

Wer wissen will, woran es in der Immobilienbranche mit Blick auf die Digitalisierung klemmt, muss nur die IT-Unternehmer fragen. Dann wird schnell klar: Viele Verbesserungen durch digitale Technik kommen den Immobiliennutzern zugute – doch dafür nehmen weder Architekten noch Planer, weder Entwickler noch Bestandshalter gerne Geld in die Hand. Wozu denn auch? Die Zinsen scheinen dauerhaft niedrig, die Nachfrage nach Immobilien ist dank solider Wirtschaft anhaltend hoch und das zusätzliche Angebot ist über alle Assetklassen hinweg mangels neuer Flächen begrenzt. Mieterzufriedenheit scheint angesichts dieser Gemengelage ein nachrangiges Ziel zu sein.

Dumm nur, dass sich das ewige Auf und Ab des Marktes nicht abstellen lässt, das nun einmal allen kapitalintensiven Branchen eigen ist und das der volkswirtschaftliche Jargon gern mit dem Stichwort Schweinezyklus belegt. Jeder Boom gebiert demnach Überinvestition und diese mündet irgendwann zwangsläufig in einen Angebotsüberhang. Vielleicht nicht überall gleichzeitig, aber in einzelnen Regionen mit Sicherheit. Dann werden diejenigen Immobilienanbieter die Nase vorn haben, die mehr über ihre Nutzer und deren Bedürfnisse wissen als die Konkurrenz.

Gerade in Boomjahren wären Investitionen sinnvoll

Den stetigen Cashflow der Boomjahre sollten die Immobilienunternehmen daher wenigstens teilweise nutzen, um in neue Verfahren der Datenerhebung und -auswertung zu investieren. Nicht immer wird sich gleich das nächste milliardenschwere Start-up – auch Einhorn genannt – dabei finden lassen. Ein Stresstest althergebrachter Geschäftsprozesse würde schon viel bringen. Im Moment hingegen ist die Immobilienbranche vielerorts nicht von Einhörnern, sondern eher von digitalen Scheinriesen bevölkert.

 

Digitalisierung ist ein großes Thema auf der EXPO REAL

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