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Mit dem Abzug der Deutschen Bank würde der Londoner Aktienmarkt die Hälfte seines Clearing-Geschäftes verlieren. Foto: dade72 / Shutterstock Mit dem Abzug der Deutschen Bank würde der Londoner Aktienmarkt die Hälfte seines Euro-Clearing-Geschäftes verlieren. Foto: dade72 / Shutterstock

Angst vor „No Deal“ für Großbritannien würde Exodus aus der City of London antreiben

Charles Kingston
Charles Kingston
Redakteur bei REFIRE - Real Estate Finance Intelligence Report

Die jüngste Ankündigung der Deutschen Bank, dass sie fast die Hälfte ihrer Euro-Clearing-Geschäfte von London nach Frankfurt verlagern will, hat den Londoner Markt erschüttert. Die Deutsche Bank ist eines der fünf größten Clearinghäuser für Zinsderivate und wickelte bisher ihr gesamtes Clearing in London ab. Dieser Umzug verleiht den ehrgeizigen Plänen der Deutschen Börse, das Clearing in Frankfurt zu konzentrieren, wo strenge Regulierung und Aufsicht unter voller Einhaltung der EU-Standards unabdingbar sind, einen starken Schub.

 

Abzug der Deutschen Bank könnte Hinweise auf künftige Entwicklungen geben

Die London Stock Exchange, der das bisher zuständige London Clearing House gehört, warnt vor dem Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen, wenn London seinen Status als Euro-Clearing-Zentrum verliert. In unangefochtener Führungsposition wickelte das LCH mit seinen 1200 Mitarbeitern Geschäfte im Wert von bis zu einer Billion Euro pro Tag ab; das Clearing dieser Derivate ist im Zuge des Brexit zu einem zentralen Schlachtfeld für Aufsichtsbehörden, Banken und Börsen geworden. Der Verlust von Geschäft an das europäische Festland war bisher sehr begrenzt. Aber der Plan der Deutschen Bank kann Hinweise auf die künftige Richtung liefern, auch wenn er sich bisher noch nicht auf die Arbeitsplätze auswirkt.

Etwa die Hälfte des Clearing-Geschäfts in London läuft in US-Dollar ab, und dies sollte durch den Brexit nicht übermäßig beeinträchtigt werden. Aber ein Großteil des übrigen Geschäfts könnte in konkurrierende europäische Finanzzentren abwandern, besonders wenn der Inhalt des Brexit-Vertrages Anfang nächsten Jahres immer noch nicht feststehen sollte.

Die geplante „Übergangszeit“ von zwei weiteren Jahren, damit Großbritannien sich anpassen kann, hängt ausschließlich davon ab, ob Großbritannien eine klare Vereinbarung mit der EU trifft, die keine vage Regelung akzeptiert. Die nächste anstehende Frist ist Oktober, und das Verhandlungsteam der EU wird bis an die Zähne bewaffnet sein. Das britische Team braucht noch viel mehr Klarheit als es bisher gezeigt hat, wenn Hoffnung auf Einigung bestehen soll.

 

Steht der Brexit-Deal auf der Kippe?

In den letzten beiden Wochen ist allerdings die Wahrscheinlichkeit eines „No Deal“ stark gestiegen. Theresa May verpflichtete ihre Kollegen bei einem Treffen auf ihrem Landsitz Chequers zu einhelliger Rückendeckung für die Interessen Großbritanniens in den bevorstehenden Verhandlungen mit Brüssel, wo eine klare Unterstützung seitens der EU als Voraussetzung dafür erforderlich ist, dass Großbritannien im März nächsten Jahres nicht schmachvoll aus Europa herausfliegt.

Es ist noch alles andere als klar, dass Frau May in ihrer eigenen Partei genug Rückhalt findet, um sich mit EU-Verhandlern an einen Tisch setzen zu können, um ihre Forderungen zu diskutieren – in einem gemeinsamen Markt zu sein, wenn es genehm ist, keine gemeinsamen externen Zölle, aber mit eigenen einmaligen Zollregelungen, Kontrolle über die Bewegungen von Menschen und keine Tyrannei seitens des Europäischen Gerichtshofes. Das ist viel verlangt, und es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht eintreten. Zumindest in der derzeitigen Form.

Das Weißbuch von Frau May zur Art der Beziehungen Großbritanniens mit Europa ist wahnwitzig und wird von Brüssel abgelehnt werden. Widerstand aus ihrer eigenen Partei wird wahrscheinlich den Plan zunichtemachen, wenn die Politiker nach dem Sommer zurückkommen. Und es gibt keine Garantie dafür, dass das Parlament dem Soft-Brexit-Vorschlag zustimmt, der momentan auf dem Tisch liegt.

 

Londoner Markt weiter stabil

Wenn Großbritannien letzten Endes ohne eine Einigung aussteigt, ohne dass Vorteile der Souveränität und Unabhängigkeit, wie sie die Brexit-Befürworter verlangen, zugestanden werden, hat es an allen Fronten verloren. Dann werden die wahrhaft harten Entscheidungen zu Immobilieninvestments getroffen und der Exodus aus London könnte dann erst richtig einsetzen.

Die Belastbarkeit des Londoner Marktes seit dem Brexit-Referendum hat viele Beobachter überrascht. Einige große Unternehmen, wie Facebook und Google, haben sich zu einer umfangreichen Erweiterung ihrer Büroflächen und Arbeitsplätze in der City verpflichtet. Es gab keine Massenevakuierungen von Londoner Bankangestellten auf den Kontinent, obwohl ein paar Mitarbeiter und Leistungen ganz allmählich abwandern, was wohl auch so bleiben wird. Aber bisher gibt es wenige Anzeichen einer sinkenden Nachfrage nach Büroflächen in der City of London, mit Gewerbeimmobilienpreisen auf dem höchsten Niveau seit der Brexit-Abstimmung 2016.

Londoner Immobilienmakler berichten allerdings bereits, dass es im Moment länger dauert, bis es bei Transaktionen zur Unterzeichnung kommt, als vor 12 Monaten. Ein schlechtes Ergebnis bis März könnte den Eindruck verstärken, dass alle Notfallpläne, die jetzt aufgestellt werden, einsatzbereit gemacht werden müssen.

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