Vienna Tiltshift Vienna Tiltshift, petriografie CC BY-NC-ND 2.0

Wohin Städte sich entwickeln – Smarte Cities: Wien und Stockholm

Jan Zimmermann
Jan Zimmermann
Redakteur für das mapolis Architekturmagazin

Großstädte sind nicht nur die größten Akkumulationen menschlichen Lebens, sie sind auch als Summe mannigfaltiger menschlicher Aktivität selbst höchst komplexe Organismen. Damit der Organismus Großstadt gesund ist und funktioniert, bedarf er einer möglichst intelligenten Organisation.

„Intelligent“ bedeutet in der Stadtentwicklung heutzutage, die Komplexität einer Großstadt anzuerkennen und ihr gerecht zu werden.

Die intelligenten Städte von heute und morgen können es sich nicht erlauben, etwa nur einseitig auf Wirtschaft und Industrie zu setzen. Sie müssen sich vielmehr als holistische Gebilde verstehen, in denen alle Teile miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Dabei spielen vor allem auch die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz sowie technologische Innovationen, die diese vorantreiben, mit Blick auf die Zukunft eine übergeordnete Rolle.

Auf der diesjährigen EXPO REAL sind zwei europäische Städte vertreten, die sich der Idee einer solchen ganzheitlichen „Smart City“ verschrieben haben: Wien und Stockholm. Beide Metropolen rechnen in naher Zukunft mit einem gewaltigen Bevölkerungsanstieg. Um dieser und anderen Aufgaben gerecht zu werden und gleichzeitig die Vision einer noch großartigeren Stadt zu verwirklichen, haben sich beide Hauptstädte für die Zukunft ehrgeizige Ziele gesetzt. Für alle diejenigen, die es bis zur EXPO REAL nicht mehr erwarten können oder sich schon einmal auf die Diskussionen in den einschlägigen Foren vorbereiten möchten, folgt ein knapper Einblick in diese Stadtentwicklungspläne.


Schon smart, aber…

Im Vergleich zu anderen Städten sind beide schon ziemlich „smart“. Die Lebensqualität ist sehr hoch, Wirtschaft und Bildung/Forschung florieren und Umweltschutz wird nicht erst seit gestern betrieben. Stockholm wurde 2010 gar zur ersten Umwelthauptstadt Europas gekürt. Doch all das heißt nicht, dass man sich auf diesen Errungenschaften ausruhen kann. Die Verantwortlichen in Stockholm und Wien wissen, dass es in Anbetracht des Klimawandels, schwindender Ressourcen und des internationalen Wettbewerbs trotz allen aktuellen Erfolgs nicht ewig so weitergehen kann. Dies gilt umso mehr, als beide Städte in absehbarer Zeit mit einem erheblichen Anstieg ihrer Einwohnerzahlen rechnen müssen. So erwartet Wien bis 2030 einen Zuwachs von über einer viertel Million Einwohnern (von 1.741.000 im Jahr 2013 auf 2 Mio.), Stockholm schon bis 2022 einen Bevölkerungsanstieg von gut 860.000 auf eine Million Einwohner. Was tun also diese Metropolen, um solche Zahlen zu bewältigen und gleichzeitig „besser“ zu werden?

Visionen

Alles beginnt mit einer Vision. Beide Städte haben sich bereits vor einigen Jahren die Frage gestellt, was und wie sie in Zukunft sein möchten. Die Stadt Stockholm hat schon im Frühjahr 2006 ein Projekt angeregt, dessen Ergebnis ein Jahr später in Form der „Vision 2030“ auf dem Tisch lag. Im Vergleich dazu war Wien ein ganzes Stück später dran, holte dafür aber auch gleich einmal 20 Jahre weiter aus: die „Smart City Initiative“ wurde 2011 ausgerufen und trug schließlich im Juni 2014 in Form einer beschlossenen Rahmenstrategie Früchte, deren zeitlicher Horizont bis 2050 reicht. Für beide Entwürfe gilt, dass es sich hierbei zunächst um keine konkreten Pläne für einzelne Maßnahmen, sondern vielmehr um eine klare Vision dessen handelt, wo man hin will. Nichtsdestotrotz ist diese Vision der wegweisende Stern, der über jeder Stadtentwicklungsmaßnahme in den nächsten Jahren leuchten wird.

Im Vergleich beider Visionen fällt schnell auf, dass sie sich in ihren Zielen sehr stark ähneln. Da aber beide Städte in Struktur und Substanz doch recht unterschiedlich sind, sind auch die anvisierten Maßnahmen und Ideen zur Verwirklichung dieser Ziele teilweise recht verschieden. Der größte Unterschied besteht jedoch zunächst in der vergleichsweise wesentlich früheren Initiative Stockholms, aufgrund derer bereits einige Großprojekte im Gange sind. Wien hat dagegen zwar seine Smart City-Vision inzwischen im Stadtentwicklungsplan 2025 (STEP 2025) etwas konkretisiert, doch handelt es sich auch bei diesem Plan bislang nur um Richtlinien und Ideen, die erst noch in die Tat umgesetzt werden müssen. In den nachfolgend beschriebenen Zielen und Maßnahmen finden sich diese Konkretisierungen übrigens ebenso wieder wie auch so manche bereits gebaute schwedische Realität.

Nachhaltigkeit und Umweltschutz

Stockholm wurde, wie bereits erwähnt, schon 2010 mit dem Titel „Umwelthauptstadt Europas“ für seine Anstrengungen in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz geehrt. Bis 2030 hat es sich aber vorgenommen, gar die „Umwelthauptstadt der Welt“ zu werden. Die am Verkehr teilnehmenden Fahrzeuge sollen bis dahin fast ausschließlich sauber sein, und wenn man nicht gerade mit dem Rad fährt, nimmt man hauptsächlich die öffentlichen Verkehrsmittel. Bis 2050 will man sogar komplett ohne fossile Brennstoffe auskommen. Überhaupt soll der Bevölkerungszuwachs keinen bis kaum einen Effekt auf die Umwelt Stockholms haben. Ganz Ähnliches hat auch Wien vor. Mit zwar geringerem Ehrgeiz in Sachen Energie kommt diese bis 2050 zu 50 % aus erneuerbaren Quellen, die CO2-Emissionen sinken jedoch von derzeit 3,1 t auf nur etwa eine Tonne pro Kopf. Der Individualverkehr soll bis 2030 von 28 auf 15 Prozent gesenkt werden und bis 2050 nur noch mit alternativen Antriebstechnologien stattfinden. Wiens Grünanteil von 50 % soll überdies erhalten bleiben.

Wohnen und Leben

In Sachen Wohnraum setzt Wien vor allem auf eine intelligente Steuerung, die das Wachstum auf bestehende Potenzialflächen wie etwa innerstädtische Brachflächen, Bahnhofsareale oder gut erschlossene Flächen in den Außenbezirken lenkt. Doch soll auch bereits Bestehendes optimiert und ausgebaut werden, was vor allem Gebiete aus den 1950ern, -60ern und 70ern betreffen wird. Eindimensionale Nutzung von Gebieten gilt es zudem zu vermeiden. Im Gegenteil wird ein polyzentrisches Wien angestrebt, in dem sich jeder Stadtteil durch ein vielseitiges Angebot an Leistungen und Aktivitäten auszeichnet. Auch Stockholm strebt ein polyzentrisches Stadtbild mit vielfältigem Angebot und sozialer Durchmischung bzw. Inklusion an. Was den Bedarf an Wohnraum für die wachsende Bevölkerung angeht, hat Stockholm Großes und Teures vor: 180.000 Wohneinheiten sollen hier in kürzester Zeit gebaut werden. Hierfür sollen bis 2021 mehr als 100 Milliarden Euro (!) investiert werden.

Wirtschaft und Bildung/Forschung

Wirtschaftlich setzt Stockholm auch in Zukunft unter anderem auf das, worin es gleich nach dem Silicon Valley weltführend ist: Computertechnologie (und Startups in dieser Branche). Die Stadt Stockholm hat seit über 20 Jahren strategisch in die Entwicklung eines offenen Glasfasernetzes investiert. Nutzer aus allen Bereichen erhalten zu gleichen Bedingungen Zugang zu diesem Netzwerk, seien diese nun aus dem öffentlichen Sektor, große Telekommunikationsfirmen oder Privatunternehmen. Auf diese Weise fördert die Stadt den Wettbewerb und somit Innovation. Auch in Sachen Bildung – von der Grundschule bis zu Universität und Forschung – will Stockholm höchste Qualität sichern und so zum internationalen Magnet für Forscher, Innovatoren und Unternehmer werden. Der Stadt Wien liegen Wirtschaft, Bildung und Forschung natürlich ebenso besonders am Herzen. So will die österreichische Hauptstadt bis 2050 eins der fünf Top-Forschungszentren Europas sein. Deshalb besteht ein Teil der oben bereits erwähnten Steuerung von Flächen auch in der Sicherung bestimmter Areale (z. B. durch einen Flächenwidmungsplan) für bestimmte Nutzungen. So soll es etwa Vorrangzonen für Büro-Großprojekte und hochrangige Bildungs- und Forschungseinrichtungen geben, die sich durch eine gute Anbindung an das ÖV-Netz auszeichnen. Ferner soll auch der Technologiesektor ausgebaut werden und der Anteil der technologieintensiven Produkte am Export von derzeit 60 % auf 80 % steigen.

Lebensqualität

Der eine große Indikator für eine „gesunde“ Stadt dürfte wohl die Lebensqualität sein. Auch hier ist die Form, in der sich diese Qualität ausdrückt, in beiden Visionen sehr ähnlich, nämlich offen, tolerant und sicher. So heißt es über das 2050er Wien: „In Wien leben alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität friedlich und sicher zusammen.“ Über das 2030er Stockholm: „Stockholm ist der Mittelpunkt einer offenen, sicheren Region ohne soziale oder physische Grenzen.“

Konkrete „Smartness“: der Stockholm Royal Seaport

„Stockholm boomt. Im Raum Stockholm entstehen innerhalb kurzer Zeit 180.000 Wohnungseinheiten, die zusammen mit verschiedenen, großen Infrastrukturprojekten, wie beispielsweise die Erweiterung der U-Bahn und die Modernisierung des Hafens gebaut werden. Jedem, der an dem Stockholmer-Markt teilnehmen möchte, empfehle ich, einen lokalen Partner auf der Expo Real in München zu kontaktieren, um mehr über dieses Projekt zu erfahren.“ sagt Staffan Lorentz, Leiter Entwicklung bei Stockholm Royal Seaport.

Stockholm Royal Seaport

Stockholm Royal Seaport

Fazit: Smarte Vorbilder für alle?

Es gibt noch ein letztes zu erwähnendes Ziel, in dem sich beide Metropolen wieder vollkommen einig sind: beide wollen Vorbild für andere sein. Denn auch das gehört zu einer Smart City dazu: wissen, dass der eigene Beitrag allein nicht reichen wird. Klimawandel und Ressourcenknappheit sind ein weltumspannendes Problem, das die Menschheit, und das heißt vor allem die Menschheit in den großen Städten, nur im Zusammenschluss wird lösen können. Inspiration tut also Not. Der Ehrgeiz, diese inspirierende Kraft zu sein, ist da natürlich löblich. Und am Ende muss man sich noch nicht einmal für eine der beiden Städte als Vorbild entscheiden. Die Ähnlichkeit der Zukunftsvisionen beider zeigt ja, dass man sich über die Rahmenbedingungen für eine gesunde Metropole relativ einig ist. Ein Rahmen mit nahezu Universalitätsanspruch also, den sich andere Städte wiederum als Fahrplan zu Eigen machen könnten. Nur: könnten das denn auch alle? Man darf nicht vergessen, dass es sich bei Wien und Stockholm bereits um zwei außergewöhnlich gesunde, florierende Städte handelt, die mit Leichtigkeit genügend Investoren anziehen, um ehrgeizige Projekte zu finanzieren. Fragt sich also, ob dies bloß Strategien für starke Städte sind, damit sie auch stark bleiben, oder ob sie sich auch von schwächeren umsetzen lassen. Können sich strukturschwächere Städte tatsächlich ähnliche Ziele setzen, ähnliche Maßnahmen ergreifen, um in Zukunft „smart“ zu sein? Und wenn sie es nicht können: welche Alternativen könnte es für sie geben?

Mehr zu diesem spannenden Thema erfahren Sie im Discussion & Networking- und Intelligent Urbanization Forum der diesjährigen EXPO REAL.

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