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Japan und Deutschland – zwei unterschiedliche Welten

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Marianne Schulze
Freie Journalistin

Mit rund JPY 5,1 Billionen an veröffentlichten Transaktionen erreichte der japanische Immobilienmarkt fast wieder das Volumen des Boomjahres 2007 vor der Finanzkrise. Dabei liegt der Auslandsanteil mit 19,3 Prozent heute zwar um die Hälfte höher als damals. Dennoch ist die Quote im internationalen Vergleich niedrig. Die Gründe dafür liegen nicht zuletzt darin, dass der Immobilienmarkt Japans lange Zeit durch Firmen- und Privateigentum geprägt war und sich erst seit der Jahrtausendwende ein institutioneller Markt herausbildete. Deutsche Investments in den institutionellen japanischen Immobilienmarkt begannen um 2002 und sahen einen Höhepunkt in den Jahren 2007 und 2008. In diesen beiden Jahren investierten ganz überwiegend offene Immobilienfonds aus Deutschland fast JPY 300 Milliarden der bis heute rund JPY 500 Milliarden, die insgesamt aus Deutschland investiert wurden. Seit 2012 werden deutsche Investoren in Japan wieder zunehmend aktiv, wobei es seit der Finanzkriese ganz überwiegend Fonds mit institutionellen Investoren (Versicherungen und Pensionsfonds) sind, die heute in Japan investieren.

Dr. Leonard Meyer zu Brickwedde ist President and CEO der Kenzo Capital Corporation, eines Unternehmens, das gegründet wurde, um langfristig orientierten Investoren den Zugang zum japanischen Immobilienmarkt zu erleichtern. Er selbst lebt seit langen Jahren in Japan und weiß um die Unterschiede und Stolpersteine im Verhältnis zwischen Deutschen und Japanern.


Dr. Leonard Meyer zu BrickweddeSie leben schon lange in Japan. Was ist dort anders als in Deutschland/Europa?

„Japan ist das bessere Deutschland!“ Alle den Deutschen nachgesagten Tugenden wie Zuverlässigkeit, Sorgfalt und Pünktlichkeit erleben Sie in Japan noch in Reinform. Der Zug in Tokio fährt nicht nur auf die Sekunde pünktlich ab, sondern genau dort, wo auf dem Bahnsteig die Position für die Vordertüren zum Wagen Nr. 8 angezeigt wird, werden sich auch die Vordertüren zum Wagen Nr. 8 öffnen und wieder schließen. Ich bin als Geschäftsmann in Japan und als Geschäftsmann schätze ich diese absolute Zuverlässigkeit sehr. Sie ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich irgendwann entschieden habe, in Japan zu bleiben und auf dem aufzubauen, was ich mir in Japan erarbeitet habe.

Was vermissen Sie, wenn Sie in Japan sind?

Eigentlich nichts, wenn ich in Japan bin. Komme ich allerdings nach Deutschland und München, dann merke ich, was ich in Japan so nicht haben kann und was ich vermisse: die kurzen Wege zwischen Innenstadt und Natur; die Leichtigkeit des Lebens in den Biergärten, die Metzgerei und das Brotgeschäft um die Ecke, den Viktualienmarkt.

Was vermissen Sie, wenn Sie in Deutschland/ Europa sind?

Respekt im Umgang miteinander und die Zuverlässigkeit der Bahn und des öffentlichen Nahverkehrs. Es ist schwer, sich daran zu gewöhnen, dass Meetings einfach verspätet begonnen werden und niemand die Notwendigkeit sieht, sich zu entschuldigen. In Japan bin ich fünf Minuten vor dem Meeting am Ort des Geschehens, wie alle anderen auch, das Meeting soll schließlich um die vereinbarte Zeit beginnen. Wenn jemand doch einmal zu spät ist, ruft er von unterwegs an, sobald sich eine Verspätung abzeichnet und informiert. In Deutschland ist dichter Berufsverkehr oder Winterwetter ein akzeptierter Entschuldigungsgrund für eine Verspätung, der Japaner stellt sich vorher auf Verkehrsaufkommen und Wetterbedingungen ein.

In den Besprechungen werden zunächst die Visitenkarten mit Respekt ausgetauscht und gewürdigt/gelesen. Es ist eben nicht nur ein ‚japanisches Kartenspiel‘, wie mir (nicht nur) in Deutschland so häufig entgegnet wird. Der Austausch der Visitenkarten ist das allererste Kennenlernen, der allererste Eindruck vom anderen, vom Gegenüber. Dieser Moment ist wichtig und wird auch als wichtig wahrgenommen.

Oder im Geschäft, in dem ich einkaufe: die gekauften Waren werden mir überreicht, oft erst an der Tür, nicht einfach rübergeschoben. Wichtig ist, dieser Respekt gilt beidseitig. Natürlich ist klar, wer Käufer und wer Verkäufer ist, wer Gast im Restaurant und wer Kellner ist, aber beide bezeugen beim Abschied dem anderen Respekt und Achtung. Das ist auch ein Grund warum es in Japan kein Trinkgeld gibt. Ob Dienstleister, Kellner, Verkäufer, Straßenkehrer oder Firmenboss – alle arbeiteten für die Zufriedenheit dessen, für den sie gerade tätig sind – den Gast, Kunden oder die Aktionäre – und die Zufriedenheit des/der anderen mit der jeweiligen Arbeitsleistung ist das,  wofür der Einzelne arbeitet, dieser Erfolg ist sein Stolz, sein Familienstolz. Dafür muss/will niemand zusätzlich (durch Trinkgeld) belohnt werden.

Wo „missverstehen“ sich Japaner und Deutsche häufig?

Im Grunde missverstehen sich Japaner und Deutsche kaum, denn eigentlich haben bei beiden Familie, Sozialgemeinschaft, langfristig ausgerichtetes Denken, Planen und Handeln einen hohen Stellenwert. Allerdings öffnet sich inzwischen die Schere, denn in Deutschland sind wir zunehmend bereit, uns der angelsächsischen Form des Wirtschaftslebens anzupassen: kurzfristiger zu planen, uns dem Diktat der Kapitalmärkte stärker zu unterwerfen und unrealistische Renditeziele anzustreben, weil wir meinen, der Markt fordert dies. Daran gehen dann Unternehmenskulturen zugrunde wie das Beispiel der Bahn zeigt. Wir sind auch bereit, die Schere zwischen Spitzengehältern und dem Durchschnittslohnniveau zu erweitern. Japan macht da nicht mit. Zwar wächst auch hier der Abstand von Spitzengehältern zum Durchschnittslohnniveau, aber Japan befindet sich dabei in einer völlig anderen Liga. Die Gehälter der Vorstände der größten japanischen Unternehmen (Nikkei 225) machen das 60-fache des Durchschnittgehaltes aus; deutsche Vorstände verdienen etwa das 150-fache und die 350 CEOs der größten US- 350 Unternehmen verdienten 2013 laut Bloomberg das 331-fache.

Japan hat weiterhin eine ganz solide, sehr breite Mittelschicht und hält stärker als Deutschland an den Werten langfristiger Beständigkeit und langfristigen Erfolgs fest. Mehr als in Deutschland geht es um das Wohl aller: dem Wohl des Unternehmens, der Mitarbeiter, Zulieferer, Abnehmer/Kunden.

Carlos Ghosn hat bei der Übernahme von Nissan durch Renault in Japan einen anderen Weg eingeschlagen und viele langjährig etablierten Verbindungen gekappt. Trotz des kurzfristigen Erfolgs von Renault/Nissan hat dieses Beispiel in Japan nie wirklich Schule gemacht.

Aus dieser unterschiedlichen Entwicklung resultieren heute oft Missverständnisse zwischen Japan und Deutschland. Deutschland ist in Japan eigentlich für seine langfristige Ausrichtung bekannt, und da überraschen die Veränderungen, die Japan in Deutschland und im Geschäft mit deutschen Unternehmen erlebt. Gleichzeitig sind deutsche Unternehmen in Japan überrascht, dass viele, ehemals gemeinsame Werte in Japan noch in ihrer Reinform gelebt werden. Ein gutes Beispiel sind hier Bonusvereinbarungen: ganz anders als in London bringen man in Japan kein Team dazu, für den Bonus Sonderleistungen zu bringen, wie auch, wenn die absolute Leistungsbereitschaft bereits Grundvoraussetzung und Grundbereitschaft ist. Der Bonus wir gerne als ‚Add-on‘ genommen, aber bestimmt nicht Handeln und Leistung. Das wichtigste Asset das ein ausländisches Unternehmen mit dem Geschäftseintritt in Japan erwirbt, ist die japanische Mannschaft und deren Arbeitsethik.

Welche „Todsünden“ kann man im Umgang mit Japanern begehen?

Mangelnder Respekt! Man darf in Japan alle möglichen Fehler machen, aber niemals sollten es Fehler aus Nachlässigkeit und mangelndem Respekt sein. Also niemals die Visitenkarte über den Tisch schieben oder – noch schlimmer – rüber schupsen.

Zum Respekt gehört aber auch, Japan als zweitgrößte entwickelte Volkswirtschaft ernst zu nehmen, insbesondere auch, indem wir Entscheidungsträger zu Japan im Lande stationieren bzw. Nachrichtenberichterstatter zu Japan aus Japan heraus berichten lassen und nicht aus dem vier Flugstunden entfernten Hongkong, wie beispielsweise CNN oder der Spiegel, oder aus dem sieben Flugstunden entfernten Singapur wie beispielsweise BBC und einige deutsche Firmenzentralen. Wie würden wir in Deutschland reagieren, wenn über das politische Stimmungsbild in Deutschland aus New York oder über die Einstellung der Deutschen zu den Fragen des Flüchtlingsansturms aus Moskau heraus berichtet würde? Im Interesse eines korrekten Japanbildes sollten sich diejenigen, die über Japan berichten oder über Geschäfte in Japan entscheiden, den Aufwand leisten, vor Ort, am Nabel des Geschehens zu sitzen.

Was mögen Japaner an Deutschland/den Deutschen?

Unsere Kultur, unseren Tiefgang, unsere Werte, unseren absoluten Einsatz. Einer der prominentesten Deutschen in Japan ist – neben Goethe und Wagner – Oliver Kahn, weil er für all das stand und steht. Die Japaner haben großen Respekt vor seinem unnachgiebigen Einsatz und Siegeswillen im Dienst der Mannschaft.

Was mögen sie in Deutschland/ an den Deutschen gar nicht?

Deutsches Essen bei drei Mahlzeiten hintereinander, aber das auch nur, weil das deutsche Essen im Vergleich zum japanischen Essen sehr viel schwerer ist. Ansonsten eigentlich nichts Spezielles, solange wir respektvoll, pünktlich und verbindlich sind. Wenn ich allerdings manchmal mit japanischen Gästen in Deutschland unterwegs bin, der Zug verspätet kommt und in völlig anderer Aufstellung abfährt, sich auch noch der Gastgeber einer Besprechung verspätet und nonchalant darüber hinweggeht, dann sind die Nerven der japanischen Gäste schon sehr angespannt.

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