Die Eroberung des Himmels © Firma WOHA

Die Eroberung des Himmels – Neue Räume für Grünflächen

Jan Zimmermann
Jan Zimmermann
Redakteur für das mapolis Architekturmagazin

Seitdem es uns Menschen gibt, haben wir die allermeiste Zeit in „unberührter“ Natur zugebracht. In dieser eindeutig längsten Zeitspanne unseres Daseins war unser Einfluss auf das Gesicht der Welt nicht größer als das der meisten Säugetiere. Die ersten Formen des Häuserbaus werden zwar zu Urzeiten absolut bahnbrechend, aber am Ende wohl auch nicht spektakulärer als ein Biberbau gewesen sein. Erst vor ein paar Tausend Jahren wurde ein Teil der Menschheit dann plötzlich mancherorts derartig kreativ, dass ein deutlicher Antagonismus zwischen dem, was es bisher gab, und dem nunmehr vom Mensch Erschaffenen entstand. Inzwischen hat das Ausmaß dieser Kreativität den größten Teil der Erde erfasst und im Vergleich der beiden Antagonisten unberührte und berührte Natur überwiegt klar letzterer. Tatsächlich schwindet zunehmend die unberührte Natur, je stärker die Zahl der Menschen zunimmt.

Die Grundlage dieser Entwicklung – der Zivilisierung unserer Erde – dürfte wohl auch heute noch ein Verlangen nach Schutz und Sicherheit sein. Schutz vor Witterungen, Raubtieren und auch anderen Menschen; Sicherheit in Form einer gesicherten Subsistenz. Die erste Seite dieses Verlangens wird durch Wohnraum befriedigt, die zweite heutzutage durch Arbeit. Und da Arbeit auch auf vielfältige Weise den Wohnraum bedingt, zieht es die meisten Menschen konsequenter Weise dahin, wo die Wahrscheinlichkeit, eine Arbeitsstelle zu ergattern, am höchsten erscheint: in die Metropolen. Dummerweise verhält sich jedoch die Ressource Raum nicht unbedingt symmetrisch zur Ressource Arbeit, weshalb dort, wo die zahlenmäßig meisten Menschen leben wollen oder sich am besten überleben zu können erhoffen, der Raum meistens knapp wird.

Grünes Heimweh

Dem urinstinktiven Verlangen nach einer gesicherten Existenz, welches der „Berührung“ der Natur durch uns vorausging, steht ein anderes, ebenfalls archaisches Bedürfnis gegenüber. Ich nenne es „archaisch“, weil man es als ein Heimweh nach unserer archaischen Heimat, unserem ursprünglichen Habitat ansehen könnte. Es ist das Bedürfnis nach Grünem. Zweifellos ist dieses vorrangig ästhetische Bedürfnis dem nach existentieller Sicherheit untergeordnet. Und dennoch ist es uns so wichtig, wie uns das Schöne in der Welt nun einmal wichtig ist, und wir versuchen, wenn es nur irgend geht, uns diese Schönheit einzurichten. Seit einigen Jahren werden Grünflächen zudem, mit wachsendem Bewusstsein für den Klimawandel, als wichtiger klimatischer Faktor betrachtet. Grün- oder Freiflächen brauchen allerdings, genau wie Wohnungen und Gewerbe, hauptsächlich eines: Raum. Da nun aber Raum in den Metropolen und Großstädten ohnehin schon rar ist und Freiflächen sich hinter den existentiell dringenderen Größen Wohnen und Arbeit anstellen müssen, hat es das Grün hier umso schwerer. Was also tun, wenn die Flächen versiegelt werden und der Raum für Grünes fehlt? Nun, die Antwort liegt oft näher, als man denkt. Man muss bloß in die richtige Richtung schauen.

Grüne Vertikale

Manche Menschen schauen, wenn sie nach der Lösung für ein Problem suchen, in den Himmel und erbeten diese von Gott oder dem Universum oder von was immer sie dort oben ansprechen zu können glauben. Irgendwann mag jemand zur Lösung des großstädtischen Raumproblems dasselbe getan und dabei festgestellt haben: „Moment mal, da oben ist ja noch jede Menge Platz!“ Bereits Ende des 19. Jahrhunderts begann man, dieser bahnbrechenden Erkenntnis folgend, Raum auf intensive Weise in der Vertikalen zu erschließen. Das Ergebnis nennen wir noch heute „Wolkenkratzer“. Vielstöckige Wohnhäuser und Bürogebäude sind seitdem fester Bestandteil der Metropolen dieser Welt. Eigentlich war es also nur eine Frage der Zeit, bis auch jemand auf der Suche nach Platz für Grünflächen nach oben schauen und zu einem ähnlichen Schluss kommen würde. Und tatsächlich gibt es seit ein paar Jahren einen regelrechten Trend von Grünflächen in der Vertikalen.

Klar, begrünte Fassaden (zum Beispiel durch Efeu) gibt es schon seit einigen Jahrhunderten und auch andere Formen der Gebäudebegrünung wie etwa durch Grasdächer sieht man nicht erst seit gestern. Doch der wirklich neue Trend, von dem ich spreche, ist anders. Zum einen finden sich neuerdings Grünflächen an Orten, wo es sie vorher noch nicht gab. Zum anderen werden erst seit einigen Jahren vermehrt Methoden angewandt, die eine Fassadenbegrünung bestehend aus „normalen“, nicht kletternden Bodengewächsen erlauben.

Neues Grün auf alten Gleisen

Das derzeit wohl prominenteste Beispiel aus der Kategorie „gab es vorher noch nicht“ ist wohl der High Line Park in New York City. Hierbei handelt es sich um eine etwa 2,33 km lange und schon seit den 1980ern stillgelegte Hochbahntrasse, die seit 2006 in drei Schritten in einen Park umgewandelt wurde. Vor kurzem erst (am 21.09.2014) wurde der dritte und letzte Bauabschnitt eröffnet. Für dieses in den Medien zu Recht gefeierte, weil erfreulich grüne Ereignis gibt es allerdings schon einen 15 Jahre älteren Präzedenzfall: die Promenade plantée im 12. Arrondissement von Paris. Auch dieser Park wächst auf den stillgelegten Gleisen einer Hochbahn und ist gar doppelt so lang wie der High Street Park in New York. Doch auch wenn es die Promenade plantée schon ein Weilchen gibt, scheint die Lust zur Nachahmung dieses Konzepts vielerorts erst so richtig seit der New Yorker Version entbrannt zu sein. So wird etwa ein ähnliches Projekt seit einigen Jahren in Chicago für den Bloomingdale Trail geplant und auch in Philadelphia und St. Louis arbeitet man an vergleichbaren Plänen. Selbst in Wien spielt man zumindest mit dem Gedanken, die alte U6-Trasse nach Heiligenstadt in einen „High Line Park Vienna“ zu verwandeln. Die Bewohner all jener Städte, die über keine Hochbahn verfügen und daher niemals in den Genuss eines solchen Grünwegs kommen werden, müssen jedoch nicht gleich traurig den Kopf hängen lassen, denn es gibt noch andere Wege.

Vertikale Gärten

Zugegeben, die erwähnten Beispiele befinden sich zwar in der Luft, was sie zweifellos als etwas Besonderes hervorhebt, doch letztendlich handelt es sich in erster Linie um die Umnutzung stillgelegter Gleise als Grünflächen, und die gibt es auch auf dem Boden. Doch erwähnte ich bereits noch eine andere Seite des Trends grüner Vertikalität, die auf neueren technischen Errungenschaften auf dem Gebiet der Fassadenbegrünung basiert. Nun, ehrlich gesagt ist die Erfindung, von der ich sogleich berichten werde, nicht wirklich neu, denn bereits 1938 patentierte sich der Professor für Landschaftsarchitektur Stanley Hart White seine „Green Wall“, die eine nicht bodengebundene Bepflanzung von Wänden ermöglichte. Was man für eine solche grüne Wand braucht, ist ein Medium, das die Pflanzen in der Vertikalen hält und versorgt. Offenbar ihrer Zeit voraus, konnte sich diese Erfindung jedoch lange Zeit nicht so recht durchsetzen. Es brauchte erst einen Patrick Blanc, der die Welt in eine neue Ära grüner Wände führen sollte. Der französische Botaniker entwickelte 1982 zu Hause seinen ersten „vertikalen Garten“. Diese Gärten verwenden einen Acrylfilz als Medium und verfügen über ein eigenes, geschlossenes Bewässerungssystem.

Auch im Fall Patrick Blancs brauchte es noch eine Weile, bis sich das Konzept des vertikalen Gartens durchsetzte. Mittlerweile zieren seine Gärten jedoch die Wände prestigeträchtiger Objekte, wie etwa die des CaixaForum Madrid von Herzog & de Meuron, und finden zahlreiche Nachahmer, die ihrerseits Medien und Bewässerungssysteme weiterentwickeln. Das Tolle an diesen vertikalen Gärten ist dabei, dass sie eine sehr viel größere Vielfalt in der Bepflanzung ermöglichen. Doch nicht nur das. Da die Bepflanzung nicht bodengebunden ist, kommt sie gänzlich ohne horizontale Freiflächen aus und ist somit bestens dafür geeignet, den versiegelten Städten etwas Grün zurückzugeben. Was die vertikalen Gärten jedoch gegenüber einer bodengebundenen, rankenden Bepflanzung benachteiligt, sind ein relativ hoher technischer Aufwand bei der Konstruktion sowie die Pflege bzw. „Wartung“ und somit letztendlich auch weitaus höhere Kosten.

Wohin wollen wir wachsen?

Eines scheint sicher: nach oben ist noch einiges offen. Dennoch bleibt die Frage, was wir dagegen unternehmen wollen, dass die vorhandenen Freiflächen mehr und mehr mit Beton und Asphalt überwuchern. Gehen wir einfach nach oben oder verhindern wir frühzeitig, dass es überhaupt erst so weit kommt? Oder vielleicht beides, so, wie WOHA es in Singapur mit ihrem Parkroyal in Pickering gemacht haben? Bei letzterem hat man auf einer Reihe mächtiger Terrassen und grüner Wände eine lebendige Naturlandschaft von 15.000 m² geschaffen, die nicht nur das besondere Highlight dieses Hotels und Bürogebäudes, sondern auch eine Verlängerung des davor gelegenen und nur halb so großen Parks darstellt. Vom selben Architekturbüro stammt auch ein Konzept für eine vertikale Stadt, die auf einem Quadratkilometer die Bedürfnisse von 100.000 Menschen befriedigen soll. Eine Sciencefiction-Vision urbaner Autarkie, bestehend aus dreißig in drei Reihen übereinander gestapelten Türmen vom Kaliber eines Burj Khalifa. Die Fassaden sind hier bewachsen von vertikalen Gärten und auf den horizontalen Strukturen befinden sich in vielen Hundert Metern Höhe Felder und Windparks. Das Grün ist hier allgegenwärtig, bestimmt dieses Zukunftsbild. Aber ist dies ein grünes Utopia? Schön sehen sie ja aus, die Visualisierungen dieses Traumes. Aber wollen wir wirklich da hin?

Egal, ob nun die horizontalen Freiflächen in den zukünftigen Metropolen allesamt versiegelt werden oder doch verschont bleiben; egal, ob man nun aus Lust oder Zwang nach oben geht: vermutlich können wir froh darüber sein, dass es innovative Geister wie Patrick Blanc, die neue Wege aufzeigen, und es eine große Bereitschaft gibt, neue grüne Wege zu beschreiten, wie es in New York der Fall war.

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