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4 Fragen an Dr. Thomas Beyerle zum Thema „PropTech“

1. Welche neuen technologischen Entwicklungen halten Sie für besonders relevant für unsere Branche?

Es sind letztlich immer die Kombinationen verschiedener technologischer Entwicklungen. Zum Beispiel „Augmented reality“ – diese lässt sich anwenden auf den Konsumgüter-/Shopping-Sektor, in der Bespielung des öffentlichen Raumes, aber auch in der Darstellung der geplanten eigenen vier Wände: Erst konfigurieren, dann bauen und finanzieren, mag hier eine verkürzte Aussage sein. Doch eines steht über allem: die Bereitschaft, sich mit der sinnhaften Datenerfassung und Analyse auseinanderzusetzen. Technologie basiert auf der Verfügbarkeit von Daten. Ich wage die These, dass nur die Allerwenigsten in der Immobilienbranche sich vorstellen können, welche Macht und Geschäftsmodelle in der Datenverfügbarkeit liegen. Wenn sich aktuell Tausende von Teenagern in den „Pokémon Go“-Welten verlieren, auf Dächer steigen oder über Friedhöfe jagen, dann ist es nur ein Frage der Zeit, bis dieser Ansatz sich auch im Einkaufsverhalten niederschlägt. BIM – Building Information Modeling – wäre eine zweite wichtige Säule in dieser Entwicklungsphase.

 

2. Müssen PropTech-Start-ups mit etablierten Immobilienunternehmen kooperieren und wie könnten Kooperationen aussehen?

Zunächst einmal nicht, denn es ist ja gerade der Charme und das disruptive Element, dass sich die Idee der Start-ups eben nicht in den aufgeblähten, bleiernen Arbeitsgruppen von Großunternehmen entfalten kann. In der Entrepreneur-Phase wäre es geradezu kontraproduktiv, sich an den „Großen“ zu orientieren. Aber: Den Zugang zum Markt erreichen nur wenige. An dieser Stelle ist eine sinnhafte Kooperation mit Etablierten sicherlich für beide Seiten von Nutzen. Eine Kooperation läuft langfristig aber immer auf eine Einheit hin – das heißt, der Große schluckt bei Erfolg den Kleinen. Und sei es nur, um sich das Know-how anzueignen und dann mittels Vertriebskraft in den Markt zu bringen.

 

3. Wie beurteilen Sie den aktuellen Digitalisierungsgrad von Unternehmen im Real Estate Investment und Real Estate Asset Management?

Vor dem Hintergrund, dass der Begriff „Digitalisierung“ gerade auf dem gleichen Weg ist wie vor zehn Jahren der Begriff „Nachhaltigkeit“ – bei dem heute viele die Augen verdrehen –, ist es aktuell mehr eine Worthülse für alles, was als disruptiv, innovativ und „irgendwas mit Daten“ daherkommt. Das wird sich sicherlich ändern mit der langsamen Spezifizierung auf die einzelnen Teilsegmente der Immobilienwirtschaft – doch eine ehrliche Antwort ist: Wir haben die Chancen bisher noch nicht einmal im Ansatz verstanden – wie sollen wir uns da schon über Erfolge oder den Digitalisierungsgrad in einzelnen Branchenzweigen äußern? Kollektiv stehen wir gerade im Mittelalter: Zeig‘ mir deine Daten, und ich sage Dir, wie‘s um Dich steht.

 

4. Was können etablierte Unternehmen von Start-ups in der Immobilienwirtschaft lernen?

Eine Atmosphäre schaffen, welche ein Querdenken jenseits von Vorstandsvorlagen zulässt, eine Möglichkeit des Scheiterns einkalkuliert, aber auch prall gefüllte Forschungsbudgets aufweist. Allein ein Berliner Start-up, das sich z.B. mit der Frage beschäftigt, welche Technologie an den Wänden sitzt – Stichwort: „denkende Tapete“ –, verfügt über mehr Forschungsgelder aus der Industrie, als alle Immobilien-Research-Abteilungen in diesem Land zusammen 2016 für „Marktforschung“ zur Verfügung haben. Mit anderen Worten: Mit (Forschungs-) Geld kann man zwar die Grundlagen schaffen, aber erst ein oftmals branchenfremder Geistesblitz wird die Akzente setzen. Wichtig ist hier das vielgepriesene „Kreative Milieu“ – wollen wir das nicht auch im Oktober auf der EXPO REAL haben? Damit mehr neue oder adaptierte Ideen Einzug halten…

 

Dr. Thomas Beyerle
© Mats Lundqvist

Dr. Thomas Beyerle ist Managing Director/Geschäftsführer bei der Catella Property Valuation GmbH sowie Head of Group Research im Catella Konzern. Er ist Lehrbeauftragter an verschiedenen immobilienwirtschaftlichen Hochschulen und Fortbildungsinstitutionen. Er ist Autor zahlreicher Artikel und Lehrbücher.

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